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Die Rückkehr des Imperiums?

Leonid Luks

Die Rückkehr des Imperiums? Der neue Moskauer Paternalismus und seine Widersacher. Essays

Berlin: Lit 2015; II, 133 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-643-13015-0
Die sogenannte gelenkte Demokratie Wladimir Putins hat in Russland die demokratischen Aufbrüche der ersten Hälfte der 1990er‑Jahre unter Boris Jelzin abgelöst. Ähnlich wie im Deutschland der Weimarer Republik erscheint das westliche Demokratie‑Modell dort heute diskreditiert, es wird mit politischem Chaos und wirtschaftlichem Niedergang identifiziert. Der aus Russland stammende Historiker und frühere Inhaber des Lehrstuhls für Mittel‑ und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt‑Ingolstadt Leonid Luks untersucht in kurzen Skizzen diesen Niedergang der demokratischen Idee sowie die aktuellen, gleichsam neoimperialen Ambitionen des Landes, wie sie sich etwa angesichts der Ukraine‑Krise manifestieren. Bei den Texten handelt es sich in der Hauptsache um Beiträge, die Luks in der Zeitschrift The European veröffentlicht hat und die nun in teilweise überarbeiteter Form gesammelt vorgelegt werden. Neben diesen prägnanten politischen Kommentaren stehen einige längere Essays, die stärker den Charakter wissenschaftlicher Abhandlungen haben. Dies macht den Reiz des Buches aus, das sowohl den versierten Zeithistoriker als auch den politischen Intellektuellen Luks vorstellt. Umso bedauerlicher erscheint es, dass mit seiner 2012 erfolgten Emeritierung auch das von ihm geleitete Zentralinstitut für Mittel‑ und Osteuropastudien in Eichstätt nach und nach abgewickelt wurde und nurmehr in der ehrenamtlichen Arbeit seines vormaligen Direktors weiterbesteht. Der inhaltliche Schwerpunkt der Textsammlung liegt auf der titelgebenden außenpolitischen Dimension, die gleichwohl immer wieder an die inneren Verhältnisse zurückgebunden und in einen weiten historischen Kontext gestellt wird. Die aktuelle westlich‑russische Konfrontation ist demnach nicht wie im Kalten Krieg auf ideologische Prämissen zurückzuführen, sondern auf entgegengesetzte politische Prozesse: Integration gegen Isolierung, Internationalisierung gegen Nationalisierung. Trotz ihrer weitgehenden öffentlichen Marginalisierung, einer „systematisch[en] Demontage der […] zivilgesellschaftlichen Strukturen im Lande“ und trotz der Tatsache, dass „das Prinzip der Gewaltenteilung […] weitgehend ausgehöhlt [wurde]“ (79), gebe es aber auch in Russland noch „Verfechter der Freiheit […], die die Abwendung ihres Landes von Europa nicht hinnehmen möchten“ (50). Inwieweit sich solche Gedanken durchzusetzen vermögen, bleibt abzuwarten.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 4.222.624.1 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Leonid Luks: Die Rückkehr des Imperiums? Berlin: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38705-die-rueckkehr-des-imperiums_47360, veröffentlicht am 30.07.2015. Buch-Nr.: 47360 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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