Portal für Politikwissenschaft

Schwierige Erinnerung: Politikwissenschaft und Nationalsozialismus

Susanne Ehrlich / Horst-Alfred Heinrich / Nina Leonhard / Harald Schmid (Hrsg.)

Schwierige Erinnerung: Politikwissenschaft und Nationalsozialismus. Beiträge zur Kontroverse um Kontinuitäten nach 1945

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015; 103 S.; brosch., 24,- €; ISBN 978-3-8487-1074-4
Dieser Sammelband geht auf die Tagung „In eigener Sache: (Politik‑)Wissenschaft als erinnerungspolitischer Akteur“ zurück, die im Juni 2013 in Passau stattfand. Leider sind nicht alle Referate aufgenommen, da zumindest Joachim Perels Vortrag auf die Eschenburg‑Kontroverse gerichtet war. Eine Versachlichung der Debatte unternimmt Gerhard Göhler, indem er nüchtern fragt, ob im Nationalsozialismus überhaupt eine Politikwissenschaft existierte. Dass dieses im institutionellen Sinne nicht der Fall war, ist wohl bekannt. Entscheidender ist, ob „im nationalsozialistischen Deutschland institutionelle Gebilde mit Veröffentlichungspraxis aufzufinden sind, die wir heute als ‚politikwissenschaftlich‘ bezeichnen können“ (17). Hier wird deutlich, dass die Causa Eschenburg weit mehr implizieren könnte, als man zuzugeben wagt: Es geht um die grundlegende Selbstverständigung, was als politikwissenschaftliches Wissen gilt. Göhler bestimmt es für die 1930er‑ und 1940er‑Jahre durch 1. den Gegenstand Politik, 2. einen methodenpluralistisch‑integrationswissenschaftlichen Zugang (darüber ließe sich streiten) und 3. die Begründbarkeit von Ergebnissen. Dass mit dieser Definition zahlreiche an Universitäten getroffene Aussagen als Ideologie qualifiziert werden müssen, ist evident, aber auch, dass die Abgrenzung nicht immer ganz leicht fällt. Dem schließt sich eine differenzierte Bewertung an, um schließlich festzustellen, dass es „viel Diskontinuität und wenig Kontinuitäten“ (33) gab. Einen deutlich normativeren Schwerpunkt wählt Helmut König. Er moniert, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu undifferenziert geblieben sei. So sei bei Eugen Kogon und Dolf Sternberger ‚Aufarbeitung‘ lediglich moralisch, aber eben nicht politisch betrieben worden; bei Franz Neumann, Ernst Fraenkel und Karl Dietrich Bracher habe die antisemitische Vernichtungspolitik nicht im Zentrum gestanden, was die Faschismustheorie der 1960er‑Jahre noch einmal verschärft habe, weil sie den Nationalsozialismus noch deutlicher als kapitalistisches Epiphänomen verharmlose. Eine ganz andere Perspektive werfen Sonja Begalke und Claudia Fröhlich auf die Debatte, indem sie das Spannungsverhältnis von personellen Kontinuitäten und institutionellen Diskontinuitäten thematisieren und dabei vor einer Überschätzung Letzteren warnen. Insgesamt dokumentieren die versammelten Beiträge, ohne dass zu Eschenburg und anderen Fällen grundsätzlich Neues formuliert wurde, noch einmal, weshalb die Kontroverse so polarisiert: Es geht ums Grundsätzliche: Was ist eigentlich politikwissenschaftliches Wissen, was ist der richtige Umgang mit der eigenen Geschichte und welchen Spielraum haben Akteure in sich wandelnden institutionellen Arrangements?
Frank Schale, Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.22.3122.3132.35 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Susanne Ehrlich / Horst-Alfred Heinrich / Nina Leonhard / Harald Schmid (Hrsg.): Schwierige Erinnerung: Politikwissenschaft und Nationalsozialismus. Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38704-schwierige-erinnerung-politikwissenschaft-und-nationalsozialismus_47345, veröffentlicht am 30.07.2015. Buch-Nr.: 47345 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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