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Deutsch-Polnische Erinnerungsorte. Band 5: Erinnerung auf Polnisch

Robert Traba / Peter Oliver Loew (Hrsg.)

Deutsch-Polnische Erinnerungsorte. Band 5: Erinnerung auf Polnisch. Texte zu Theorie und Praxis des sozialen Gedächtnisses

Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2015; 423 S.; 49,90 €; ISBN 978-3-506-77419-4
Die in den vergangenen Jahren stark gewachsene kultur‑ und sozialwissenschaftliche Erinnerungs‑ und Gedächtnisforschung bezieht sich in ihren Theorien und Methoden hauptsächlich auf französische Vorbilder (siehe etwa Buch‑Nr. 20515, 28486). Paradigmatische Überlegungen dazu finden sich freilich auch in anderen Wissenschaftstraditionen, wofür in Deutschland etwa Jan und Aleida Assmann zu nennen sind (siehe etwa Buch‑Nr. 30849). Im Kontext des Reihenvorhabens der Deutsch‑Polnischen Erinnerungsorte (siehe Buch‑Nr. 42276, 40988) haben es sich die Herausgeber zum Ziel gesetzt, auch entsprechende polnische Konzepte einem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Der Großteil der Texte wird mit diesem Band erstmals in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht. Ihre Entstehung reicht bis in die 1930er‑Jahre zurück. Neben einem Beispiel aus dem Jahr 1963 sind dann vor allem Beiträge abgedruckt, die seit den 1990er‑Jahren veröffentlicht wurden. Ein einleitendes Gespräch der Herausgeber verortet diese Texte in längerfristigen Entwicklungslinien. Dabei wird deutlich, dass sich die polnische Forschung in dieser Zeit hauptsächlich auf westliche Vorbilder bezog, während eigene Traditionen – etwa die im Band vertretenen Überlegungen der Soziologen Stefan Czarnowski (1879‑1937) und Stanisław Ossowski (1897‑1963) – kaum rezipiert wurden. Dabei ließen sich hier zahlreiche Bezüge zu aktuellen Theorieangeboten herstellen. Die Assmann’sche Kategorie des Funktionsgedächtnisses etwa wird in ähnlicher Weise im Konzept einer „lebendigen Geschichte“ (57) der Soziologin Nina Assorodobraj(‑Kula) (1908‑1999) greifbar. Neben den aktuellen Rückbezügen lassen sich auch historisch zahlreiche Berührungspunkte der polnischen zur französischen Wissenschaft erkennen – etwa mit Blick auf die gesellschaftshistorische Annales‑Schule, zu deren Vertretern in Polen sich unter anderem Assorodobrajs Ehemann, der Historiker Witold Kula (1916‑1988) rechnen lässt. In den neueren Texten werden daneben auch verstärkt angelsächsische Einflüsse deutlich. Dies alles zeigt, dass sich die polnische Wissenschaft selbst in einem internationalen Kontext verortet und entsprechende Anregungen produktiv weiterverarbeitet. Es wäre erfreulich, wenn der Band zu einer weiteren Verbreitung dieser theoretischen und methodologischen Angebote beitragen könnte. Das einleitende Gespräch, die beigefügten Biogramme und die gelegentlichen Anmerkungen der Übersetzer helfen dabei, auch weniger mit den polnischen Kontexten vertrauten Leser_innen deren Erschließung zu ermöglichen.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Robert Traba / Peter Oliver Loew (Hrsg.): Deutsch-Polnische Erinnerungsorte. Band 5: Erinnerung auf Polnisch. Paderborn u. a.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38683-deutsch-polnische-erinnerungsorte-band-5-erinnerung-auf-polnisch_42815, veröffentlicht am 30.07.2015. Buch-Nr.: 42815 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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