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Der verratene Verräter

Alexander Kobylinski

Der verratene Verräter. Wolfgang Schnur: Bürgerrechtsanwalt und Spitzenspitzel

Halle: Mitteldeutscher Verlag 2015; 383 S.; brosch., 19,95 €; ISBN 978-3-95462-438-6
Mit dem Ende der DDR ist eine erschreckende Anzahl an armseligen Lebensläufen enthüllt worden. Die Protagonisten hatten sich verstrickt in ideologischem Eifer oder auch nur persönlicher Geltungssucht und so Nachbarn, Kollegen, Freunde und Familie an das Ministerium für Staatsicherheit verraten und damit Gründe für berufliche Sackgassen oder eine Inhaftierung geliefert. Unter allen diesen Gestalten ragt Wolfgang Schnur heraus – in dem Moment, in dem das System zusammenbrach und er sich daran machte, als Vorsitzender des neu gegründeten Demokratischen Aufbruchs der erste frei gewählte Ministerpräsident der DDR zu werden, wurde er mutmaßlich von seinen eigenen Führungsoffizieren als altgedienter Spitzel enttarnt. Zuvor hatte er in jedem Bereich, in dem er sich engagierte, eine glänzende Karriere gemacht, weil er jede Aufgabe so gründlich erledigte, als ob er davon zutiefst überzeugt gewesen wäre. Dem MfS diente er jahrzehntelang: Als junger Mann berichtete er als „Allzweck‑Radar“ (51), als erfolgreicher Anwalt empfahl er seine Mandanten zur Verhaftung und Verurteilung und verriet, mittlerweile für und in der Evangelischen Kirche aktiv, deren Interna. Seinen Mandanten wie der Kirche erschien er währenddessen als vertrauenswürdig und einsatzfreudig, wie Alexander Kobylinski in dieser mit großem Engagement geschriebenen Biografie zeigt. Dass Kobylinski sich angesichts dieser immer voll ausgefüllten Rollen ausgesprochen viel Mühe gibt, Schnurs Charakter und die Motive für sein Handeln herauszufinden, liegt auch in der eigenen Biografie begründet: Kobylinski wurde nach seiner Verhaftung 1983 von Schnur vertreten und fragt sich nun, ob der damals so zugewandt und hilfreich scheinende Anwalt wenigstens im Nachhinein sein Verhalten erklären kann oder es wenigstens bedauert. Kobylinski hat Schnur dazu ausführlich befragt, außerdem sprach er für dieses Buch mit zahlreichen Zeitzeugen und wertete gründlich die Akten aus – aber eine Person Wolfgang Schnur lässt sich nicht konturieren. Er sprach gegenüber dem MfS von sich in der dritten Person, kann und will heute nichts erklären, Verantwortung für sein Handeln übernimmt er nicht – Kobylinski überlegt, ob Schnur „am Ende gar nur ein nützlicher Kostümständer“ (99) für die war, die sich seiner Dienste versicherten. Schnur verdiente so relativ viel Geld, erhielt vom MfS Hilfe bei Hausbau und Fahrzeugbeschaffung sowie einige Orden und von Mandanten wie der Kirche gesellschaftliche Anerkennung. Und auch nur darauf läuft es hinaus: Ohne eigene Überzeugung machte sich Schnur wahllos da nützlich, wo er, das einst „elternlose[.] Kind“ (17), Zuwendung erfuhr.
Natalie Wohlleben, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3142.3 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Alexander Kobylinski: Der verratene Verräter. Halle: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38649-der-verratene-verraeter_47022, veröffentlicht am 16.07.2015. Buch-Nr.: 47022 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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