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Gerechtigkeit im Wohlfahrtsstaat

Cornelius Torp

Gerechtigkeit im Wohlfahrtsstaat. Alter und Alterssicherung in Deutschland und Großbritannien von 1945 bis heute

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015 (V & R Academic); 472 S.; 49,99 €; ISBN 978-3-525-30168-5
Im Jahr 2030 werden Menschen, die älter sind als 65 Jahre, fast ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland stellen, so die Prognose. Die Überalterung ist nach Ansicht von Cornelius Torp inzwischen sogar ein so bedeutsamer Trend, dass die Überbevölkerung im globalen Zukunftsszenario schon bald ihren hervorgehobenen Stellenwert verlieren könnte. Umso wichtiger sei das Thema der Alterssicherung. In seiner Studie untersucht der Autor die Geschichte des Alterns und der Alterssicherung in Deutschland und Großbritannien im Zeitraum vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute. Mit diesem Vergleich soll deutlich werden, wie das Wechselverhältnis von sozialer Ungleichheit, Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit und der Etablierung wohlfahrtsstaatlicher Institutionen sowie sozialer Strukturen zusammenwirkten. Im Fokus stehen jeweils vier große Rentenreformen und die sie begleitenden Debatten in den beiden Ländern. Das Geburtsjahr eines auf vorherigen Beitragszahlungen basierenden Rentensystems datiert Torp für Großbritannien auf 1925. Mitten im Zweiten Weltkrieg sei dann eine erste große Reform angestoßen worden, da der Krieg gegen Nazideutschland „zeitweise die sozialen und politischen Differenzen in den Hintergrund drängte und einen breiten Konsens darüber entstehen ließ, dass die Vorkriegspolitik versagt hatte und umfangreiche soziale Reformen auf der Tagesordnung stünden“ (31). In Deutschland wiederum sei noch 1955 „Alter [...] vornehmlich mit Armut assoziiert“ (67) worden. Im Bundestag seien damals von der Opposition Hungerrenten angeprangert worden, diese böten alten Menschen keine Existenzgrundlage mehr. Die bundesdeutsche Sozialpolitik sei zwar dann langfristig damit erfolgreich gewesen, die Kriegsfolgen zu bewältigen und soziale Unruhen zu verhindern. Im Zusammenspiel mit dem Wirtschaftsaufschwung sei dafür gesorgt worden, dass breite Bevölkerungsschichten zu relativem Wohlstand gekommen seien. Umso stärker sei aber die Armut der Rentner sichtbar geworden, wobei lange kaum statistische Sozialdaten vorgelegen hätten. Diese seien erst in einer Stichprobe erhoben worden, der sogenannten L‑Erhebung (umfasste alle Rentenbezieher, deren Nachname mit L begann). Der Autor resümiert, dass in beiden Länder ein „allmählicher Aufstieg der Alten in der gesamtgesellschaftlichen Einkommenshierarchie“ (408) zu beobachten gewesen sei. Eine weitere Gemeinsamkeit sei, dass in der Frage sozialer Ungleichheit das Geschlecht immer eine Rolle gespielt habe. Frauen hätten in beiden Ländern kontinuierlich weniger Rente bezogen als die Männer.
Wolfgang Denzler, Diplom-Journalist, B. A., Politikwissenschaftler, M. Sc., Nachhaltigkeitswissenschaftler.
Rubrizierung: 2.1 | 2.35 | 2.61 | 2.23 | 2.262 | 2.342 | 2.313 | 2.315 Empfohlene Zitierweise: Wolfgang Denzler, Rezension zu: Cornelius Torp: Gerechtigkeit im Wohlfahrtsstaat. Göttingen: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38621-gerechtigkeit-im-wohlfahrtsstaat_46900, veröffentlicht am 09.07.2015. Buch-Nr.: 46900 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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