Portal für Politikwissenschaft

Arabischer Aufbruch

Georges Tamer / Hanna Röbbelen / Peter Lintl (Hrsg.)

Arabischer Aufbruch. Interdisziplinäre Studien zur Einordnung eines zeitgeschichtlichen Phänomens

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2014 (Nahoststudien. Middle Eastern Studies 1); 340 S.; 64,- €; ISBN 978-3-8487-1386-8
Wie lassen sich die Ereignisse, die sich im Frühjahr 2011 im arabischen Raum zugetragen haben, einordnen? Was lässt sich über den weiteren Verlauf und den derzeitigen Stand sagen? Für die Herausgeber des Sammelbands steht fest, dass es an dezidiert politikwissenschaftlichen Betrachtungen fehlt. Im Gegensatz zu den medial gehandelten Begriffen Arabischer Frühling oder Arabische Revolution tragen die Geschehnisse in ihrer Veröffentlichung eine weniger enthusiastische Bezeichnung. Der Titel „Arabischer Aufbruch“ deutet dabei nicht nur die jeweils ungewissen Folgen der einmal in Gang gesetzten Ereignisse an, er verweist auch darauf, dass die arabischen Gesellschaften keinesfalls angekommen sind, sondern noch auf dem Weg, auf der Suche sind. Zunächst stehen übergreifende Versuche – „Metaanalysen“ – im Mittelpunkt. Der kürzlich verstorbene Christoph Schumann, dessen Andenken der Sammelband gewidmet ist, argumentiert, dass die arabische Revolte „die Kernfrage des Politischen überhaupt“ (37), die Frage nach dem politischen Gemeinwesen, berührt. Anhand von Eric Voegelins Repräsentationstheorie zeigt Schumann, dass in den arabischen Monarchien „die faktische Herrschaft einer bestimmten Familie über ein bestimmtes Territorium der Artikulation der Gesellschaft“ (47) vorausgehe, während die Artikulation der Gesellschaft in den arabischen Republiken hergestellt werde. Mit den Revolutionen der 1950er‑ und 1960er‑Jahre seien die Gesellschaften als arabisch, säkular und sozialistisch bestimmt worden. Vor diesem Hintergrund hätten die Aufständischen unterschiedliche Rahmenbedingungen und Mobilisierungsmöglichkeiten (arabischer Einheitsstaat, sozialer Gerechtigkeit) vorgefunden. Bassam Tibi und Werner Ruf beleuchten in ihren als „Kritische Betrachtungen“ überschriebenen Beiträgen jene Faktoren, die dazu führten, dass der „Arabische Aufbruch“ bisher nicht demokratisch stabilisiert werden konnte. Auf den darauf folgenden Seiten sind spezifischere Analysen zu finden. Die Autor_innen vergleichen die Rolle der Religion in den Verfassungen von Tunesien und Ägypten, gehen der Bedeutung von Straßenkunst und Literatur vor und während des Aufbruchs nach und schildern in Länderstudien den Hergang des Aufbruchs. Hervorzuheben ist dabei der letzte Beitrag von Peter Lintl, Christian Thuselt und Christian Wolff, in dem die Schwierigkeiten politischer Repräsentation am Beispiel der Zeit nach dem Sturz Mubaraks vor Augen geführt werden. Insgesamt ist den Herausgebern ein kenntnisreicher Sammelband gelungen. Es wäre erfreulich, wenn die bereits angedeutete Anwendung von gegenwärtig diskutierten Theorien der Repräsentation noch vertieft werden würde.
Hendrik Claas Meyer, M. A., Politikwissenschaftler und Soziologe, Universität Bayreuth.
Rubrizierung: 2.632.252.232.212.2 Empfohlene Zitierweise: Hendrik Claas Meyer, Rezension zu: Georges Tamer / Hanna Röbbelen / Peter Lintl (Hrsg.): Arabischer Aufbruch. Baden-Baden: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38620-arabischer-aufbruch_46844, veröffentlicht am 09.07.2015. Buch-Nr.: 46844 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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