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Das System der Zwangsarbeit in der SED-Diktatur

Christian Sachse

Das System der Zwangsarbeit in der SED-Diktatur. Die wirtschaftliche und politische Dimension

Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2014; 498 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-86583-884-1
„Mir kam es vor, als würde ich direkt in die Hölle geworfen“ (222), zitiert Christian Sachse den Bericht eines ehemaligen Häftlings, der Anfang der 1960er‑Jahre zwangsweise in der Produktion von Elektromotoren arbeiten musste. Dieses Schicksal, seiner Grundrechte beraubt worden zu sein und unter gesundheitsschädigenden Bedingungen arbeiten zu müssen, teilte dieser Mann im Laufe der Jahrzehnte, in denen die DDR bestand, mit zehntausenden Inhaftierten, „170.000 und maximal 280.000“ (395 f.) von ihnen waren wegen eines politischen Delikts, etwa eines Fluchtversuchs in den Westen, verurteilt. Sachse legt eine umfassende Darstellung dieser Zwangsarbeit vor. Er positioniert sie zunächst als Teil der gesamtdeutschen Geschichte und erarbeitet die rechtlichen Grundlagen zur Einordnung und Beurteilung. Diese Grundlagen sind vor allem zwei Abkommen der Internationalen Arbeitsorganisation gegen Zwangsarbeit, die von der DDR nie unterzeichnet wurden, sowie die DDR‑Verfassungen, die eine Begründung der Zwangsarbeit innerhalb des Systems ermöglichten – wobei verschleiernd von Arbeitserziehung gesprochen wurde. Sachse erklärt diesen Begriff als „Synonym für spezielle Methoden der sozialen und politischen Disziplinierung“ (45), mit dem die Zwangsarbeit ideologisch verbrämt wurde. Es folgt eine chronologisch angelegte Schilderung der Entwicklung der Zwangsarbeit, wobei die übergreifende Darstellung der einzelnen Phasen jeweils durch schlaglichtartige Beispiele aus den Haftanstalten ergänzt wird. Weitere untersuchte Kategorien sind unter anderem die Arbeitsbedingungen und Vergütungen, Unfälle, der innerdeutsche Handel sowie als ausführliches Fallbeispiel der Handel von IKEA mit der DDR. Der Website des Autors ist zu entnehmen, dass der Möbelkonzern sein Forschungsprojekt gefördert hat. Die Ergebnisse decken sich mit dem Erkenntnissen von Thomas Wunschik, auf dessen Buch „Knastware für den Klassenfeind“ (siehe Buch‑Nr. 45409) Sachse wiederholt Bezug nimmt, es aber sogleich für die Dokumentenbasis (Akten des MfS, wobei Wunschik tatsächlich auch andere Quellen verarbeitet hat) kritisiert und zudem nahelegt, es biete kein geschlossenes Bild. Dem ist durchaus zu widersprechen, Wunschik kommt über seine Aktenauswertung und seine Fallstudien zu nicht weniger aussagekräftigen Ergebnissen, beide Bücher vermitteln insgesamt ein eindrückliches Bild dieses Aspekts der (nicht nur ost‑)deutschen Vergangenheit. Bedauerlich ist nur, dass der CDU‑Politiker Arnold Vaatz sein Vorwort für eine politische Polemik nutzt; man hätte gerne von seinen eigenen Erfahrungen 1982/1983 als Zwangsarbeiter in einem Stahlwerk gelesen – sind es doch vor allem die Schilderungen persönlicher Erlebnisse, das zeigen auch die von Sachse ausgewerteten Fragebögen, die berühren und der Darstellung Tiefe verleihen.
Natalie Wohlleben, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3142.313 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Christian Sachse: Das System der Zwangsarbeit in der SED-Diktatur. Leipzig: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38612-das-system-der-zwangsarbeit-in-der-sed-diktatur_46156, veröffentlicht am 09.07.2015. Buch-Nr.: 46156 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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