Portal für Politikwissenschaft

Willy Brandt und Michail Gorbatschow

Stefan Creuzberger

Willy Brandt und Michail Gorbatschow. Bemühungen um eine zweite "neue Ostpolitik", 1985-1990

Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2015 (Ernst-Reuter-Hefte 5); 55 S.; 5,- €; ISBN 978-3-95410-041-5
Die Ostpolitik unter Willy Brandt und Egon Bahr ist als ein auf Verständigung abzielender Kurswechsel in der westdeutschen Außenpolitik weithin untersucht. Weniger bekannt sind demgegenüber die Bemühungen Brandts in der zweiten Hälfte der 1980er‑Jahre, auf der Grundlage seiner Bekanntschaft mit Michail Gorbatschow eine zweite neue Ostpolitik zu lancieren. Der Rostocker Zeithistoriker Stefan Creuzberger rekonstruiert diese Bemühungen in seiner knappen Studie auf der Grundlage von Archivmaterial sowie zeitgenössischen Publikationen und Memoiren der Beteiligten. Als erster westlicher Politiker traf Brandt im Mai 1985 in Moskau zu einem ausführlichen Gespräch mit dem zwei Monate zuvor gewählten Generalsekretär der Kommunistischen Partei zusammen. Als Präsident der Sozialistischen Internationale vertrat der Altkanzler bei dieser Gelegenheit eine SPD, die Alternativen zur offiziellen Außenpolitik der Regierung Kohl suchte. Aufgrund von deren enger Bindung an die USA fiel diese zunächst als Ansprechpartner für den neuen Machthaber in der Sowjetunion weitgehend aus. Wie schon in den 1970er‑Jahren standen Entspannung, Annäherung und Abrüstung im Zentrum der Konsultationen. Der von Gorbatschow im Juli 1985 einseitig verkündete sowjetische Atomteststopp schien die Erfolgsaussichten einer solchen Politik zu bestätigen. Neben einem brieflichen Austausch kam es knapp drei Jahre später im April 1988 zu einem weiteren Treffen der beiden Politiker, allerdings unter veränderten Vorzeichen. Nach dem erneuten Wahlsieg von Kohl 1987 waren die Chancen für eine „Nebenaußenpolitik der SPD“ (43) geringer geworden, zumal sich mit dem Staatsbesuch des Kanzlers in Moskau im Oktober 1988 dessen Verhältnis zu Gorbatschow intensivierte. Im Unterschied zu Teilen seiner Partei sprach sich Brandt zudem im folgenden Jahr zunehmend für eine Vereinigung der deutschen Staaten aus – entgegen der Erwartungen Gorbatschows, der dann schließlich die Unterstützung Brandts für sein Bemühen erhoffte, „die deutsche Vereinigung nicht allzu sehr ,auf Kosten der Sowjetunion erfolgen‘ zu lassen“ (52).
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.3132.3314.214.222.62 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Stefan Creuzberger: Willy Brandt und Michail Gorbatschow. Berlin: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38497-willy-brandt-und-michail-gorbatschow_46823, veröffentlicht am 04.06.2015. Buch-Nr.: 46823 Rezension drucken

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