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Die alternde Republik und das Versagen der Politik

Herwig Birg

Die alternde Republik und das Versagen der Politik. Eine demographische Prognose

Berlin: Lit 2015; III, 242 S.; geb., 34,90 €; ISBN 978-3-643-12827-0
Die demografische Entwicklung, die Herwig Birg für Deutschland diagnostiziert, sieht düster aus: Wir werden immer älter. Das Problem im Umgang mit dieser Diagnose bestehe laut Birg weniger darin, dass zu wenig über Demografie geschrieben oder gesprochen werde. Vielmehr werde die zentrale Ursache für das, was Frank Schirrmacher einmal als das Methusalem‑Komplott bezeichnet hat, verkannt. Nicht die steigende Lebenserwartung sei das Problem: „Die entscheidende Ursache der Bevölkerungsschrumpfung und Alterung ist die niedrige Geburtenrate.“ (9) Aus dieser Feststellung leitet Birg die zentrale Fragestellung seiner demografischen Analyse ab: „Warum hat Deutschland eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt?“ (1) Hiervon ausgehend, entwirft der langjährige Geschäftsführende Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung und Sozialpolitik (IBS) an der Universität Bielefeld eine komplexe Zusammenschau von Demografie, Politik und Ökonomie. Eingebettet in historische Kontexte und globale Trends, wie etwa die Prognose des Endes des weltweiten Bevölkerungswachstums für das Jahr 2070, zeigt Birg, dass eine Reproduktionsrate von nur 1,4 Kindern pro Frau nicht ausreichen wird, um die intergenerationelle Stabilität der deutschen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Kinderlosigkeit ist dabei keineswegs nur ein deutsches, sondern zunehmend auch ein globales Problem. Diesem könne durch mehrere, auch kurzfristig umsetzbare Maßnahmen begegnet werden. So gelte es etwa, dem französischen oder auch dem skandinavischen Vorbild folgend, mehr und besser ausgestattete frühkindliche Betreuungseinrichtungen vorzuhalten. Neben einer zusätzlich zu bestehenden Frauenquoten ebenfalls einzuführenden Mütterquote müsse auch die Ehe stärker hinsichtlich ihres ‚Outputs‘ betrachtet werden: „Anzustreben ist eine stärkere Konzentration der staatlichen Ehe‑ und Familienförderung auf die Erziehung von Kindern statt auf den formalen Status der Ehe.“ (205) Dass dieser ‚formale Status der Ehe’ in modernen, pluralistischen Gesellschaften immer auch eine Form der rechtlichen Anerkennung gerade nicht nur gemischtgeschlechtlicher Partnerschaften ist, lässt Birg dabei außer Acht. Trotz dieser – kann man sagen: konservativen? – Vereinseitigung auf die biologische Notwendigkeit der Reproduktion: Das mit zahlreichen Graphiken und Abbildungen versehene Buch besticht nicht zuletzt auch durch die um Klarheit bemühte Sprache. Ob die dann immer so weit gehen muss, der „demokratisch gewählten Regierung“ eine absichtliche oder unabsichtliche „Irreführung der Gesellschaft“ (203) zu attestieren, sei dahingestellt.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.32.3422.3432.354.42 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Herwig Birg: Die alternde Republik und das Versagen der Politik. Berlin: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38418-die-alternde-republik-und-das-versagen-der-politik_46690, veröffentlicht am 13.05.2015. Buch-Nr.: 46690 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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