Portal für Politikwissenschaft

Politische Landschaften

Rainer Guldin

Politische Landschaften. Zum Verhältnis von Raum und nationaler Identität

Bielefeld: transcript Verlag 2014 (Edition Kulturwissenschaft 48); 292 S.; 29,99 €; ISBN 978-3-8376-2818-0
Naturräumliche Gegebenheiten sind ein wichtiges Element bei der Herausbildung nationaler Kulturen – so ist die Schweiz unweigerlich mit den Alpen verbunden, Ungarn mit der weiten Ebene der Puszta oder Norwegen mit dem Fjord. Die Wahl einer bestimmten nationalen Landschaft geht auf zum Teil jahrhundertealte Traditionen zurück, sie bezieht sich vielfach auf stereotype Elemente, wie sie etwa in Literatur und Malerei zum Ausdruck kommen. Für Rainer Guldin sind Landschaften und Landschaftsvorstellungen daher als „spezifische Formen kultureller Praxis“ zu sehen. „Landschaftsmetaphern […] operieren in politischen Diskursen als Projektionsdispositive kollektiver und subjektiver Identitäten, dadurch, dass sie vielfältige Brücken zwischen Gesellschaft, Landschaft und Mensch erstellen“ (10). Um solche Metaphern geht es in diesem inspirierenden Buch. Guldin rekonstruiert Landschaftsdiskurse im deutschsprachigen Raum vom frühen 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, wobei er diese „in einem eminent politischen Sinne deutet“ (17). An zahlreichen Beispielen zeigt er, wie Landschaften politisch‑ideologisch vereinnahmt werden und solche Bilder über die Zeit wirksam bleiben, wobei Guldin ein zentrales Motiv im Verhältnis zwischen Teil und Ganzem für die Konstruktion politischer Landschaften ausmacht. Sehr eindrücklich beschreibt er bereits in der Einleitung das nationalsozialistische Narrativ der Erstbesteigung der Eiger‑Nordwand im Juli 1938, das Stärke und Widerstandsfähigkeit, kollektivistisches Ideal, Aufstieg und deutsche Überlegenheit (in diesem Fall gegenüber Österreich) demonstriert. Die Alpen im Schweizer Diskurs stehen einerseits für kulturelle Vielfalt, andererseits für Enge und Abgeschlossenheit. Dem deutschen Wald kommen vielfältige Zuschreibungen zu, mal erscheint er als mögliches Abbild der Gesellschaft und – in Gestalt des Mischwaldes – als „das demokratisch Gleichberechtigte“ (97), mal als marschierendes Heer (Elias Canetti). Mehrfach greift Guldin die Deutung jüdischen Lebens auf, etwa bei Werner Sombart, der die jüdisch inspirierte städtische Moderne der ländlich‑bäuerlichen Welt gegenüberstellt und diese an „die Wüste und den Wald zurück[bindet]“ (136). Am Ende diskutiert Guldin, inwieweit sich traditionelle landschaftliche Zuschreibungen durch die Globalisierung auflösen oder neue Bedeutung erhalten (Stichwort: Glokalisierung). Bezogen sich traditionelle Metaphern auf die Materien Stein, Holz oder Wasser, so scheint sich die Moderne der Luft, als Symbol für Bodenlosigkeit und Entwurzelung, verschrieben zu haben.
Anke Rösener, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.23 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Rainer Guldin: Politische Landschaften. Bielefeld: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38353-politische-landschaften_46555, veröffentlicht am 30.04.2015. Buch-Nr.: 46555 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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