Portal für Politikwissenschaft

Dezentralisierung und ethnische Konflikte

Leyla Ferman

Dezentralisierung und ethnische Konflikte. Lokale Ebene und Kurdenfrage in der Türkei

Berlin: Lit 2014 (Internationale Politik 18); 517 S.; 54,90 €; ISBN 978-3-643-12686-3
Diss. Bremen; Begutachtung: W. Lamping, B. Blanke. – Wie wirkt sich staatliche Dezentralisierung auf die Regulierung von ethnischen Konflikten aus? Kommt es zu einer Entschärfung oder Verschärfung des Konfliktes? Diesen Leitfragen widmet sich Leyla Ferman in ihrer umfangreichen Dissertation. Damit betritt sie ein bisher wenig erforschtes Forschungsterrain und bearbeitet es analytisch‑empirisch am Beispiel der Kurdenfrage in der Türkei: Im zentralistischen Einheitsstaat der Republik Türkei sind Konzepte wie Föderalismus in der Diskussion tabuisiert oder gar kriminalisiert, da diese für den klassischen Einheitsstaatsgedanken die Anrüchigkeit von Separatismus transportieren. Gleichzeitig hat eine repressive Assimilationspolitik gegenüber Minderheiten – allen voran den Kurden – nachhaltige ethnisch‑konnotierte Konflikte geschaffen. Durch die „Kurdenfrage in der Türkei sind die Kommunen in Kurdistan seit 1999 zu einem Konfliktfeld und ‑akteur geworden“ (429). Vor dem Hintergrund dieser Feststellung werden die Situations‑ und Handlungsmodi der zentralistischen und lokalen Akteure beziehungsweise der jeweiligen zivilen oder politischen Repräsentanten analysiert und bewertet. Dabei zeigen sich mit Blick auf Bestrebungen zur Dezentralisierung eine Reihe unterschiedlicher Motive. Während die Regierungspartei AKP vor allem die „technische Verbesserung der Kommunen“ (432) anstrebt, erkennt die prokurdische Partei BDP Potenziale für die Anerkennung und Selbstbestimmung des kurdischen Volkes. Der Aushandlungsprozess wird allerdings dadurch erschwert, dass in „der Konfliktregion […] Multiplikatoren politisiert“ sind. „[S]ämtliches Handeln vor Ort steht im Zeichen des ethnischen Konflikts“ (44). Drei Erkenntnisse werden deutlich: Das Konfliktpotenzial zwischen nationaler und lokaler Ebene nimmt zu, das Agieren der lokalen Akteure ähnelt den Konfliktparteien aus Ankara und bisherige Angebote werden von lokalen/kurdischen Akteuren als irrelevant bewertet. Die Arbeit ist abseits der Fragestellung eine detailreiche Aufarbeitung zur aktuellen Entwicklung der Kurdenfrage.
René Neumann, M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.632.212.222.232.2634.42 Empfohlene Zitierweise: René Neumann, Rezension zu: Leyla Ferman: Dezentralisierung und ethnische Konflikte. Berlin: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38332-dezentralisierung-und-ethnische-konflikte_46571, veröffentlicht am 23.04.2015. Buch-Nr.: 46571 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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