Portal für Politikwissenschaft

Der Werturteilsstreit in der deutschen Nationalökonomie

Johannes Glaeser

Der Werturteilsstreit in der deutschen Nationalökonomie. Max Weber, Werner Sombart und die Ideale der Sozialpolitik

Marburg: Metropolis-Verlag 2014 (Beiträge zur Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie 43); 364 S.; 38,- €; ISBN 978-3-7316-1077-9
Wirtschaftswiss. Diss. Frankfurt a. M.; Begutachtung: B. Schefold. – Der um die Jahrhundertwende ausgetragene Werturteilsstreit umfasste nicht nur methodische Probleme der Nationalökonomie, sondern berührte generell forschungspraktische Fragen. Deshalb verwundert es kaum, dass er auch auf andere Wissenschaften (insbesondere die im Entstehen begriffene Soziologie) abstrahlte und bis heute als paradigmatische Wissenschaftskontroverse begriffen wird. Johannes Glaeser unternimmt eine ideengeschichtliche Darstellung der Kontroverse, weil er richtig erkennt, dass die verhandelten Positionen nicht nur wissenschaftstheoretische, sondern auch sozialpolitische und weltanschauliche Dimensionen aufwiesen. Konsequenterweise referiert der Autor zunächst die historische Schule und die Debatten im Verein für Socialpolitik, um dann die Zuspitzung der Kontroverse vom Methoden‑ zum Werturteilsstreit nachzuzeichnen. Sehr instruktiv ist dabei, dass der Verfasser anhand der Wiener Tagung des Vereins von 1909 zum Produktivitätsbegriff einen konkreten Anwendungsfall der Debatte schildert, bevor er sich ihrem Kern widmet – der Frage, ob eine normative Nationalökonomie möglich bzw. ob überhaupt eine Nationalökonomie ohne (!) normative Prämisse denkbar sei. Dieses Problem verlangt auch nach einer Stellungnahme zum Platz von wissenschaftlichem Wissen in einer modernen Gesellschaft insgesamt. Obwohl die Debatte keinen expliziten Schlusspunkt fand, ist für Glaeser klar, dass sie das Ende der historischen Schule und die Dominanz abstrakt‑modelltheoretischer Modelle einleitete. Doch das ist nicht das letzte Wort des Autors: Skeptisch fragt er, wer das Erbe der historischen Schule – den Zusammenhang von Ökonomie und Gesellschaft – heute noch in den Blick nehmen kann. Auch wenn Glaeser dies am Ende nur stichwortartig anreißt, liegt hier die fortdauernde Brisanz des Werturteilstreits: Was meint eigentlich Wohlfahrtsoptimum? Was sind Bedürfnisse? Genügt die heute als Finanzierungsmodell von Universitäten so gefeierte Auftragsforschung eigentlich den Gütekriterien wissenschaftlichen Arbeitens? Und wie sieht es mit der Zurückhaltung wissenschaftlicher Eliten aus, wenn sie als politische Professoren in den Medien präsent sind? Auf diese Fragen hätte Glaeser etwas ausführlicher eingehen sollen, statt sie am Ende nur zu benennen. Diese Schwäche fällt aber nur marginal ins Gewicht, ist es doch das Verdienst der Arbeit, nicht nur eine bloße Darstellung des Werturteilsstreits zu geben, sondern zahlreiche Aspekte der über die Fächergrenzen hinweggehenden sozialwissenschaftlichen Debatte der Jahrhundertwende abzubilden.
Frank Schale, Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.15.425.462.3112.4 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Johannes Glaeser: Der Werturteilsstreit in der deutschen Nationalökonomie. Marburg: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38227-der-werturteilsstreit-in-der-deutschen-nationaloekonomie_46700, veröffentlicht am 26.03.2015. Buch-Nr.: 46700 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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