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Hans-Dietrich Genschers Außenpolitik

Kerstin Brauckhoff / Irmgard Schwaetzer (Hrsg.)

Hans-Dietrich Genschers Außenpolitik

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2015 (Akteure der Außenpolitik); 295 S.; 34,99 €; ISBN 978-3-658-06650-5
Hans‑Dietrich Genscher gilt als einer der bedeutendsten Außenpolitiker in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Mit diesem Sammelband legen Kerstin Brauckhoff, wissenschaftliche Referentin an der Friedrich‑Naumann‑Stiftung, und Irmgard Schwaetzer, ehemalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt unter dem Bundesaußenminister Genscher, eine biografische Würdigung des Politikers vor. Sie fragen nach der Verbindung von liberaler Politik und der Gestaltung der Außenpolitik der Bundesrepublik unter seiner Ägide. Der Sammelband gliedert sich dazu in zwei Teile. Während im theoretischen Teil der Genscherismus im Sinne der Tradition liberaler (Außen‑)Politik definiert und mittels Theorien der Internationalen Beziehungen verortet wird, geht es im praktischen Teil in chronologischer Abfolge um die Etappen der Karriere Genschers. Neben politik‑ und geschichtswissenschaftlichen Betrachtungen enthält der Band Beiträge von Mitarbeitern, Kollegen und Weggefährten, die ihre Eindrücke und Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit ihm beisteuern. Hans‑Dietrich Heumann versucht, liberale Außenpolitik zu definieren und liefert damit bereits zu Beginn des Bandes die Grundlage für die Ergründung des Wesens des Genscherismus. Für ihn ist „[d]as traditionelle Verständnis liberaler Außenpolitik, [...] die Verbreitung von Demokratie und Rechtsstaat mit den Mitteln der Außenpolitik, [...] eine Frage der Verantwortungsethik.“ (23) Anstelle von Demokratie oder Freiheit sei also Verantwortung im Sinne einer „Verantwortlichen Interessenpolitik“ (20) anzustreben. Voraussetzung und zugleich Bestandteil dieser ist die politische Handlungsfähigkeit, die sich gewissermaßen erst aus der Überschneidung von innen‑ und außenpolitischen Spielräumen und Möglichkeiten ergibt. Liberale Außenpolitik für das 21. Jahrhundert muss nach Heumann Globalisierung gestalten, die europäische Integration weiter vorantreiben und europäische Handlungsfähigkeit in einer multipolaren Weltordnung gewährleisten. Genscher habe diese Notwendigkeiten bereits in Zeiten des Ost‑West‑Konfliktes erkannt und sei auch aus diesem Grund „ein Vordenker [...] der liberalen Außenpolitik im 21. Jahrhundert“ (34). Die Analyse der Europapolitik Genschers durch die Zeithistorikerin Agnes Bresselau von Bressensdorf liest sich wie eine Bestätigung dieser Aussage: Genscher hat „die Europäische Gemeinschaft stets als politisches Projekt“ (187) verstanden, das als „historische Schicksalsgemeinschaft der Freiheit“ (174) durch die transformative Wirkung freiheitlicher Werte ehemals autokratische Staaten wie Portugal und Spanien integrieren, seine eigenen Institutionen demokratisieren und gleichzeitig in der Konkurrenz der Systeme des Kalten Krieges bestehen konnte.
Christian Patz, M.A., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Institut für Sozialwissenschaften, Fachbereich Politikwissenschaft, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
Rubrizierung: 4.212.32.3132.3152.673.13.7 Empfohlene Zitierweise: Christian Patz, Rezension zu: Kerstin Brauckhoff / Irmgard Schwaetzer (Hrsg.): Hans-Dietrich Genschers Außenpolitik Wiesbaden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38218-hans-dietrich-genschers-aussenpolitik_46513, veröffentlicht am 26.03.2015. Buch-Nr.: 46513 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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