Portal für Politikwissenschaft

Ferngesteuerte Gewalt

Grégoire Chamayou

Ferngesteuerte Gewalt. Eine Theorie der Drohne. Aus dem Französischen von Christian Leitner. Hrsg. von Peter Engelmann

Wien: Passagen Verlag 2013 (Passagen Thema); 286 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-7092-0133-6
Das schon jetzt breit rezipierte Essay über die vermeintlich human tötende Drohne versteht sich als philosophische Kritik der Waffen, „um den Mechanismus der militärischen Auseinandersetzung zu demontieren“ (Simone Weil, hier: 28). Zunächst veranschaulicht Grégoire Chamayou die Entstehung der Drohne und ihre wachsende militärische Nutzung zur Menschenjagd im Kampf gegen den Terror. Er zeigt, weshalb sie heute die ultimative Waffe zu sein scheint: Die beschränkten Verluste in der unmittelbaren Auseinandersetzung, die Möglichkeit in einer globalisierten Welt entgrenzt militärisch präsent zu sein sowie der verbreitete Glaube in Hochtechnologien laden zu ihrem Gebrauch ein. Auf symbolischer Ebene verknüpfen sich mit ihr die uns so vertrauten Ideen und Konzepte der Prävention, Transparenz, Überwachung, Kontrolle, Digitalisierung und vor allem des Humanitarismus. Doch die Perfektion der Waffe ist für Chamayou das stillschweigende Eingeständnis in die eigene politische Niederlage. Mit ihr ist man zwar militärisch global präsent, aber statt Konflikte vor Ort zu lösen, verbleibt man in der Heimat und ist förmlich gezwungen, jede Anormalität als Gefahr zu dechiffrieren. Der Drohnenkrieg verschiebt damit das Risiko der Soldaten auf die Zivilisten, indem er jedes Verhalten jenseits der Standardabweichung als Sicherheitsrisiko einstuft und so den Erstschlag gegen das, was als „Kämpfer“ erachtet wird, rechtfertigt. Die Überlegungen Chamayous gehen im Prinzip in die hobbessche Richtung, dass dort, wo Menschen kämpfen, Menschlichkeit aus Angst vor dem eigenen Tod entstehen kann. Aber der einseitige, anonyme, bedingungslose, häufig unerklärte und sich selbst mit dem Selbstverteidigungsrecht legitimierende Drohnenkrieg ist als gefahrloses Intervenieren ein „immerwährende[r] Krieg“ (83). Chamayous Kritik der Drohne will deshalb politisch sein: Der Krieg der Drohnen ist nicht der der entfesselten Roboter, sondern zentralisiert den Tötungsakt und delegiert ihn an Entscheidungsträger, die mit dem Krieg und dessen Folgen nicht mehr konfrontiert sind und deshalb umso grausamer töten können. Unser Zeitalter, so Chamayou im Anschluss an Camus, ist das „Zeitalter der philosophischen Henker und des staatlichen Terrorismus“ (167). Seine Ausführungen, die zitierten Protokolle aus den militärischen Planungsstäben und die politischen Überlegungen etwa zur Übertragung der Technologie auf Polizeieinsätze erfüllen den Leser auf fast jeder Seite mit Schrecken und machen das Buch zur anregenden Lektüre. Bedenklich sind indes die Überlegungen des Autors, den Bediener der Drohne als „feige“ zu beschreiben, impliziert dies doch, dass der reguläre Kombattant – und noch mehr der suicide bomber – als das erscheinen muss, was er eben nicht ist: als mutig.
Frank Schale, Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.444.14.41 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Grégoire Chamayou: Ferngesteuerte Gewalt. Wien: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38217-ferngesteuerte-gewalt_46504, veröffentlicht am 26.03.2015. Buch-Nr.: 46504 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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