Portal für Politikwissenschaft

Wolfgang Kastrup / Helmut Kellershohn (Hrsg.)

Kapitalismus und / oder Demokratie? Beiträge zur Kritik "marktkonformer" Demokratieverhältnisse

Münster: Unrast 2014 (Edition des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung im Unrast Verlag); 142 S.; 18,- €; ISBN 978-3-89771-765-7
In welche Richtung entwickelt sich das Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus angesichts der EU‑Krise, wenn, um ein pointiertes Beispiel zu nehmen, Angela Merkel erklärt, dass bei Maßnahmen zur Stabilisierung des europäischen Wirtschaftsraumes die „parlamentarische Mitbestimmung“ (sic!) „marktkonform“ (1) gestaltet werden müsse? Dieser Sammelband zeichnet hierzu ein vielschichtiges Bild. In einem der drei analytisch grundlegenden Beiträge untersucht Wolfgang Kastrup das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie zunächst unter funktionalen und hegemonietheoretischen Gesichtspunkten. Herausgestellt wird die Autonomie des Staates gegenüber der kapitalistischen Ökonomie als Grundbedingung ihrer Reproduktion. Eine Kritik gegenwärtiger Verhältnisse mit dem Ziel einer demokratischeren oder gerechteren institutionalisierten Politik laufe deshalb Gefahr, diesen funktionalen Zusammenhang zu verstärken. Kastrup plädiert daher für eine radikalere Form der Demokratisierung auch außerhalb staatlicher Strukturen. In fünf Einzelstudien wird der Blick dann auf soziale Räume und Hegemonieprojekte im Kontext der multiplen Krise, so die Diagnose von Alex Demirović, gelenkt. Der Umbau der Universitäten in Richtung einer elitären „Unternehmerischen Hochschule“ wird von Torsten Bultmann und Katrin Reimer thematisiert. Bultmann geht auf das Scheitern dieses Leitbildes ein, das neue Räume reformorientierter Aneignung schaffe. Reimer fragt nach Potenzial und Grenzen von politischen Programmen, die sich an Debatten und Praxen um Diversität, Differenz oder Intersektionalität orientieren. Die pluralistische Öffnung von Hochschule und Schulen ordnet sie als Beispiel eines „progressiven Neoliberalismus“ (116) ein, der das Anliegen allgemeiner Gleichheit in Differenz zu einer Strategie eines diversifizierten Wettbewerbs umdeute. Dem Interesse an Hegemonieprojekten folgt auch der Beitrag von Helmut Kellershohn über das konservative Spektrum rechts der CDU und dessen staats‑ und gesellschaftspolitische Ziele. An den Eckpunkten von Marktwirtschaft, christlichem Konservatismus und völkischem Nationalismus beschreibt er, wie die Neue Rechte „Gleichfreiheit“ (Balibar) in Wohlstandschauvinismus und Standortnationalismus einerseits und eine völkische Identitätskonstruktion und konservative Rollenbilder andererseits auflöst. Fern einer moralisierenden Kapitalismuskritik bietet der Band eine analytisch differenzierte Perspektive auf die sozialen und politischen Formen kapitalistisch‑krisenhafter Vergesellschaftung. Analysiert werden dabei Diskurse, Räume und Strukturen, in denen um die Hegemonie gerungen wird.
Clemens Reichhold, Dipl. Politikwissenschaftler, promoviert am Institut für Politikwissenschaft der Universität Hamburg und am Walther Rathenau Kolleg, Potsdam.
Rubrizierung: 2.22.222.32.342.3315.41 Empfohlene Zitierweise: Clemens Reichhold, Rezension zu: Wolfgang Kastrup / Helmut Kellershohn (Hrsg.): Kapitalismus und / oder Demokratie? Münster: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38210-kapitalismus-und--oder-demokratie_46113, veröffentlicht am 26.03.2015. Buch-Nr.: 46113 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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