Portal für Politikwissenschaft

Gewalt und Gesellschaftsordnungen

Douglass C. North / John Joseph Wallis / Barry R. Weingast

Gewalt und Gesellschaftsordnungen. Eine Neudeutung der Staats- und Wirtschaftsgeschichte. Übersetzt von Monika Streissler

Tübingen: Mohr Siebeck 2013; XVII, 326 S.; brosch., 49,- €; ISBN 978-3-16-152815-6
Dieses Gemeinschaftswerk von zwei Ökonomen (North; Wallis) und einem Politikwissenschaftler (Weingast) ist außerordentlich ambitioniert: Die Sozialwissenschaften hätten bisher den Zusammenhang von wirtschaftlicher und politischer Entwicklung nicht plausibel erklären können. Dieses Defizit lasse sich erst beheben, wenn sich die Sozialwissenschaften systematisch damit auseinandersetzten, „wie eine Gesellschaft die Frage der immer und überall drohenden Gewalt löst“ (XI). Zur Umsetzung des damit verbundenen Anspruchs entwerfen die Autoren einen Begriffsrahmen zur Unterscheidung von Gesellschaftsordnungen, der zugleich als Grundlage eines neuen Forschungsprogramms für die Sozialwissenschaften dienen soll. Die Logik einer Gesellschaftsordnung beruht wesentlich darauf, so die Annahme, in welcher Weise es dem Zusammenspiel von Institutionen und Organisationen gelingt, die Interessen der relevanten Eliten so zu bedienen, dass diesen die Kooperation mit der dominanten Koalition attraktiver erscheint als der Einsatz von Gewalt. Bezogen auf die letzten zehn Jahrtausende (!) haben sich nach Ansicht der Autoren nur zwei Grundtypen von Sozialordnungen herausgebildet: auf der einen Seite Formationen, die den Zugang zum Markt und zur Organisationsbildung einschränken, und auf der anderen Seite solche, die keine Zugangsbeschränkungen aufweisen. Der erste Typus – der „natürliche Staat“ – ist die bis heute überwiegende Sozialordnung mit den Merkmalen: geringes Wirtschaftswachstum, zentralisierte öffentliche Sektoren, Dominanz persönlicher Sozialbeziehungen, geringe Organisationsdichte. Der zweite – historisch unwahrscheinlichere – Typus weist demgegenüber kaum negatives Wirtschaftswachstum auf und ist von unpersönlichen Sozialbeziehungen, hoher Organisationsdichte und differenzierter Zivilgesellschaft geprägt. Die Übergänge vom ersten zum zweiten Typus sind institutionell außerordentlich voraussetzungsreich und müssen primär die Privilegien der Eliten rechtlich und organisatorisch absichern. Insgesamt handelt es sich um eine Studie mit einer provozierenden Fragestellung, die allerdings hinsichtlich der modernen Gesellschaftsordnung aktuelle Debatten wie zum Thema Postdemokratie weitgehend ignoriert.
Thomas Mirbach, Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.415.422.22.212.242.612.64 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Douglass C. North / John Joseph Wallis / Barry R. Weingast: Gewalt und Gesellschaftsordnungen. Tübingen: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38205-gewalt-und-gesellschaftsordnungen_45118, veröffentlicht am 26.03.2015. Buch-Nr.: 45118 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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