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Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben

Renate Hürtgen

Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben. Eine Studie über Herrschaft und Alltag in der DDR-Provinz

Göttingen u. a.: Vandenhoeck & Ruprecht 2014 (Analysen und Dokumente 36); 339 S.; 24,99 €; ISBN 978-3-525-35078-2
Bis 1988 existierte in der DDR keine rechtliche Grundlage, auf der die Menschen ihre Ausreise hätten beantragen können. Was dieser rechtlose Zustand für diejenigen, die den Mut zu diesem Schritt aufbrachten, bedeutete, zeigt Renate Hürtgen in dieser „mikrohistorische[n] Nahaufnahme“ (19). Im Mittelpunkt stehen die Menschen aus Halberstadt, die sich ab Mitte der 1970er‑Jahre zur Ausreise entschlossen – eine Minderheit. „Im Durchschnitt stellten nur 2,8 Personen von 1.000 Einwohnern einen Ausreiseantrag“ (82), erst 1989 stiegen die Zahlen massiv an. Diese Personen treten auch als solche auf, nicht als Zahlen einer Statistik – die Darstellung der einzelnen Schicksale berührt und so liegt in der Kleinteiligkeit denn auch die Stärke dieser Studie. Hürtgen zeigt, dass die Ausreisewilligen keineswegs etwa nur junge Männer waren, die das Bild derjenigen prägten, die auf eigene Faust die Mauer zu überqueren versuchten. Die Antragsteller waren zumeist Paare in ihren Dreißigern, oft mit Kind(ern). Als ein zentrales Motiv wird deutlich, dass sie sich beruflich wie privat freiere Entfaltungsmöglichkeiten wünschten. Die Autorin betont, dass dies nicht mit Illusionen über einen paradiesischen Westen verbunden war. Viele Antragsteller hatten Familie und Freunde auf der anderen Seite der Grenze und waren gut informiert. Ihren Antrag auf Ausreise, oft mit einer Familienzusammenführung begründet, sahen sie als legitime persönliche Entscheidung und nicht als offenes politisches Statement an. Wer Glück hatte, konnte nach durchschnittlich zwei Jahren ausreisen, aber in kaum einem Fall war dies möglich, ohne staatlichen Repressionen ausgesetzt gewesen zu sein. Viele der Antragsteller verloren ihre Arbeit, wurden abgehört und von den Mitarbeitern der Staatssicherheit massiv bespitzelt. Diese Mechanismen wurden auch dadurch befeuert, dass das Ministerium für Staatssicherheit die Behörden in Halberstadt praktisch vollständig infiltriert hatte. Wiederholt wurden völlig willkürlich Straftatbestände konstruiert und Haftstrafen verhängt, die Antragsteller waren insgesamt einem massiven Druck ausgesetzt – und im Alltag damit konfrontiert, dass sich Freunde und Arbeitskollegen abwandten, selbst Kinder wurden von Schulveranstaltungen ausgegrenzt. In der Gesamtschau bewertet Hürtgen den Antrag auf Ausreise, so sehr er von persönlichen Gründen getragen gewesen sein mag, als politisches Handeln – die Antragsteller entzogen dem Regime, jeder für sich, die Legitimation. Die Reise‑ und Fluchtbewegung habe schließlich der Revolution „im unmittelbaren Vorfeld des Umbruchs ihren entscheidenden Impuls gegeben“ (319).
Natalie Wohlleben, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Renate Hürtgen: Ausreise per Antrag: Der lange Weg nach drüben. Göttingen u. a.: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38085-ausreise-per-antrag-der-lange-weg-nach-drueben_45614, veröffentlicht am 19.02.2015. Buch-Nr.: 45614 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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