Portal für Politikwissenschaft

Gleichheit und Souveränität

Niels Beckenbach / Christoph Klotter

Gleichheit und Souveränität. Von den Verheißungen der Gleichheit, der Teufelslist der Diktatur und dem schwachen Trost der Nivellierung

Wiesbaden: Springer VS 2014; 259 S.; 29,95 €; ISBN 978-3-531-19288-8
Gleichheit, so die Grundannahme der Autoren, ist der normative Fluchtpunkt der europäischen Aufklärung schlechthin: „Gleichheit gilt in der Zivilgesellschaft als Testkriterium für die großen Menschheitsfragen nach Freiheit, Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit.“ (9) Auf der anderen Seite gilt indes auch: „Mit der Moderne verschwindet nicht das Streben nach absoluter Macht.“ (11) Innerhalb der sich zwischen diesen beiden Polen – „Nichts ist dem Apologeten des Souveräns so verhasst wie die Gleichheit“ (125) – ausbreitenden Arena politischer und sozialer Konflikte diskutieren Niels Beckenbach und Christoph Klotter eine breite Palette ideengeschichtlicher Literatur, die bis hinein in unsere Gegenwart reicht. Ihr Spektrum erstreckt sich von der griechischen Antike über Hobbes, Locke, Rousseau, Marx, Durkheim, den Dadaismus, Merton und Marcuse bis hin zu Luhmann, Foucault und Dahrendorf. Bei so viel Verweisungskomplexität bleiben da mitunter manche argumentativen oder diagnostischen Wendungen der Autoren leider im Dunkeln, sodass man einerseits dankbar, andererseits auch etwas verwundert vor Sätzen wie diesem steht: „Wir haben in den vorangegangenen Kapiteln herausgearbeitet, dass sich das normative Prinzip einer Gesellschaft mündiger Menschen mit dem Realitätsprinzip hart im Raum stößt.“ (331) Ob sich dieses Realitätsprinzip nun in Form von weit verbreitetem Alkohol‑ und Drogenmissbrauch – „Komasaufen“ (340) – manifestiert, in Form von Schulattentaten wie etwa an der Columbine Highschool auftritt oder vielleicht auch ganz andere Erscheinungsformen aufweist, sei dahingestellt. Was Beckenbach und Klotter jedenfalls aufzuzeigen vermögen, ist ein – trotz allen aufklärerischen Anspruchs der westlichen Gegenwartsgesellschaften – weit verbreitetes Leiden an der Gesellschaft, wie es Günter Grass, Daniela Dahn und Johano Strasser einmal genannt haben (siehe Buch‑Nr. 24385). Dass die dabei verwendete Vielfalt an theoretischen Zugängen, die vielfach nur angerissen werden können, manchmal in keinem gelungenen Verhältnis zum gegenwartsdiagnostischen Anspruch steht, diesen gar manchmal verdeckt, ist bedauerlich.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.15.335.425.432.222.612.311 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Niels Beckenbach / Christoph Klotter: Gleichheit und Souveränität. Wiesbaden: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38034-gleichheit-und-souveraenitaet_43932, veröffentlicht am 05.02.2015. Buch-Nr.: 43932 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

Suchen...