Portal für Politikwissenschaft

Die Ökonomisierung der Politik in Deutschland

Gary S. Schaal / Matthias Lemke / Claudia Ritzi (Hrsg.)

Die Ökonomisierung der Politik in Deutschland. Eine vergleichende Politikfeldanalyse

Wiesbaden: Springer VS 2014 (Kritische Studien zur Demokratie); XVI, 270 S.; 39,99 €; ISBN 978-3-658-02619-6
Seit den 1980er‑Jahren wird in Deutschland über Neoliberalismus und Ökonomisierung gestritten. Wie aber lässt sich jenseits von Schlagworten darüber sprechen, wie sich das gesellschaftliche Verhältnis in konkreten Politikfeldern zugunsten einer hegemonialen Marktwirtschaft verändert? Eine Antwort auf diese Fragen bietet dieser Sammelband. Die Herausgeber_innen aus dem Projekt „Postdemokratie und Neoliberalismus“ an der Helmut‑Schmidt‑Universität nehmen zu Beginn eine in der Forschungslandschaft ihres Themas oft vermisste Metaperspektive ein. Gary S. Schaal und Matthias Lemke eröffnen mit einer ideengeschichtlichen und theoretischen Analyse der Ökonomisierungsthese, woran Sebastian Dumm und Claudia Ritzi vergleichend eine Typologie unterschiedlicher Ansätze der Ökonomisierungsforschung anschließen. Überzeugend ist im ersten Beitrag die zeitliche Einordnung der Ökonomisierung in eine ideologische Phase des Neoliberalismus, in der selbst sozial desintegrative Folgen marktwirtschaftlicher Reformen noch nach dem Schema der Ökonomisierung behandelt wurden. Die Rekonstruktion von Foucaults Theorie der Gouvernementalität hätte allerdings mehr Aufmerksamkeit verdient. Die Fruchtbarkeit dieses Ansatzes, der an der Etablierung des Ökonomisierungsbegriffs großen Anteil hatte (vgl. Bröckling et al. 2000, Buch‑Nr. 14336), gerät dadurch aus dem Blick. Der im zweiten Beitrag entwickelte weite Begriff einer Politikfeldanalyse, die sich neben Strukturen und Prozessen auch auf diskursive Faktoren bezieht, überzeugt durch vielfältige methodische Anschlussmöglichkeiten auch für macht‑ und herrschaftsanalytische Ansätze. Zu den insgesamt neun aufschlussreichen Einzelanalysen zählt die Untersuchung von Ulrich Brinkmann und Oliver Nachtwey zur Ökonomisierung der deutschen Arbeitsmarktpolitik. Unter dem Titel „Prekäre Vollbeschäftigung als Zukunftsmodell?“ unterziehen sie den deutschen Weg der Krisenbewältigung durch Agenda 2010 und Teilzeitarbeit einer Kritik. Als Modell der Kommodifizierung von Arbeitskraft sei diese Strategie insbesondere für gering Qualifizierte mit erheblichen Risiken verbunden. Uwe Altrock arbeitet zudem in seinem Beitrag die „Ökonomisierungstendenzen in der Stadtentwicklungspolitik“ nicht nur historisch, sondern auch regional vergleichend heraus. Bereits im Zuge der Wende sei insbesondere das Gebiet der damaligen DDR zu einem Experimentierfeld von Ökonomisierung geworden „so dass westdeutsche Konzerne in der Lage [waren], erste folgenreiche Standortentscheidungen mit DDR‑Politikern auszuhandeln“ (155). Neben der theoretischen und methodischen Einordnung überzeugt an dem Sammelband vor allem die gesellschaftliche Breite, in der Ursachen und Folgen der Ökonomisierung in Deutschland beleuchtet werden.
Clemens Reichhold, Dipl. Politikwissenschaftler, promoviert am Institut für Politikwissenschaft der Universität Hamburg und am Walther Rathenau Kolleg, Potsdam.
Rubrizierung: 2.342.3312.3422.343 Empfohlene Zitierweise: Clemens Reichhold, Rezension zu: Gary S. Schaal / Matthias Lemke / Claudia Ritzi (Hrsg.): Die Ökonomisierung der Politik in Deutschland. Wiesbaden: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38017-die-oekonomisierung-der-politik-in-deutschland_46082, veröffentlicht am 29.01.2015. Buch-Nr.: 46082 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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