Portal für Politikwissenschaft

Die unheimlichen Ökologen

Balthasar Glättli / Pierre-Alain Niklaus

Die unheimlichen Ökologen. Sind zu viele Menschen das Problem?

Zürich: Rotpunktverlag 2014; 173 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-85869-617-5
Balthasar Glättli und Pierre‑Alain Niklaus argumentieren gegen die Vermischung von ökologischen und demografischen Fragen in der Diskussion über die künftige Entwicklung des Planeten: „Nicht nur in einem nationalen, sondern mit einem angeblich globalen Interesse wird heute wieder vermehrt für eine aktivere staatliche Steuerung der Bevölkerungsentwicklung plädiert. Das Ziel: das Wachstum der Bevölkerung soll aus ökologischen Gründen gestoppt werden.“ (14) Statt vom Bevölkerungswachstum hänge aber die Überlebensfähigkeit der Menschheit vielmehr davon ab, ob und wie bald es gelinge, eine Alternative zum gegenwärtigen kapitalistischen System und seiner Profit‑ sowie Wachstumslogik zu finden. Nur durch eine Hinwendung zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltschutz, so Glättli und Niklaus, könne für alle Menschen eine hinreichende Überlebenschance sowie eine vertretbare Lebensqualität erreicht werden. Ein großer Teil des Bandes besteht vor diesem Hintergrund in einer wahren Abwehrschlacht der eingangs angedeuteten These. Denn von Thomas R. Malthus bis zum Bericht des Club of Rome (1972), von der Eugenik bis zum Antikommunismus werde eines immer wieder deutlich: „Die Ursache von Armut und Hunger, Umweltverschmutzung, Klimawandel und Ressourcenverknappung monokausal in einem vermeintlich unkontrollierten Bevölkerungswachstum zu sehen, hat eine jahrhundertealte Tradition.“ (34) Stattdessen plädieren Glättli und Niklaus für eine Abkehr von der „heutigen Ausbeutungswirtschaft“ (128) hin zu einer intelligenteren, weniger verschwenderischen und damit verantwortlicheren Wirtschaftsform. Dabei sehen sie drei Handlungsebenen: Erstens gelte es, gezielt, also durch politische Initiative, technische Innovationen zu fördern, etwa durch einen Ökobonus oder Ökosteuern; zweitens müsse synergetisch auf lokaler ebenso wie auf globaler Ebene an der Etablierung und Durchsetzung ökologisch nachhaltiger Handlungsziele gearbeitet werden; drittens schließlich, und das sei die herausforderndste Aufgabe, müsse ein neues Suffizienzverständnis etabliert werden. Jeder müsse sich also die Frage stellen: „Wie viel ist genug?“ (133) Gerade dieser letzte Denkanstoß ist schon hinreichend wertvoll, um den kurz und knapp, eingänglich und präzise formulierten Band zur Lektüre zu empfehlen.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.445.422.261 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Balthasar Glättli / Pierre-Alain Niklaus: Die unheimlichen Ökologen. Zürich: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37988-die-unheimlichen-oekologen_46123, veröffentlicht am 22.01.2015. Buch-Nr.: 46123 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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