Portal für Politikwissenschaft

Demokratieversuche der Frauenbewegung im Iran

Mahsa Abdolzadeh

Demokratieversuche der Frauenbewegung im Iran. Eine historische Analyse mit Beispielen aus dem 20. Jahrhundert

Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2014 (Gender Studies 28); 136 S.; 75,80 €; ISBN 978-3-8300-7837-1
Mahsa Abdolzadeh untersucht, inwieweit Frauen im Iran – einem Land, das permanent „zwischen islamischem Fundamentalismus und Modernisierung“ (9) schwebe – einen Beitrag zu Demokratisierung und Gleichberechtigung haben leisten können: „Der Fokus der Untersuchung richtet sich auf die Frauenbewegungen in den Großstädten, da die Frauen am [sic!] Land unter anderen Verhältnissen leben. Ferner werden hauptsächlich muslimische Frauen untersucht.“ (8) Trotz massiver Versuche der Zurückdrängung der öffentlichen Rolle der Frau im Zuge der islamischen Revolution von 1979, so ist sich Abdolzadeh sicher, sei deren Einfluss in einer „patriarchalischen Gesellschaftsordnung“ (117) nicht zu unterschätzen. Der Befund bleibt merkwürdig ambivalent: Abdolzadeh beklagt die Trennung der Geschlechter in öffentlichen Gebäuden, verweist aber auch darauf, dass es keine wirklichen Regeln gebe, nach denen diese vollzogen wird. Frauen seien immer noch häufig Opfer sexueller Übergriffe, weswegen eine massive Flucht ins Private stattfinde. Auch Frauenzeitschriften, die schon in den 1910er‑ und 1920er‑Jahren erschienen seien, könnten teilweise als Zeichen der Emanzipation gewertet werden – auch wenn darin zu „besserer Haushaltsführung, Erziehung und Lebensführung“ (90) angehalten werde – und zwar im Sinne der herrschenden Verhältnisse. Aus ihrer (leider nie sehr detaillierten) Analyse von Zeitungstexten und Beiträgen aus Social Media‑Plattformen – zu geplanten Interviews habe sich, so Abdolzadeh, niemand bereit erklärt, was sie als „Statement der Angst“ (11) interpretiert – zieht sie den Schluss, dass bestehende Ansätze, die sich etwa den Themen häusliche Gewalt oder Feminismus widmen, auch institutionell zu fördern seien. So sei – und hier wird der Band leider allzu sehr oberflächlich – etwa der Staat von der Religion strikt zu trennen, zudem seien Frauenquoten bei der Besetzung öffentlicher Ämter zu etablieren. Wie schwierig das werden wird, wird – ungewollt – im letzten Satz des Buches deutlich: „Es muss“, so schreibt Abdolzadeh, „ein allgemeines Umdenken in der gesamten Bevölkerung implementiert werden“ (120). So intuitiv richtig dieser Satz angesichts des öffentlichen Bildes der iranischen Gesellschaft, wie es in westlichen Medien vermittelt wird, auch erscheinen mag, letztlich klingt er doch arg inhaltsleer und verzweifelt. Oder klingt da doch leise Hoffnung an?
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.272.632.2 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Mahsa Abdolzadeh: Demokratieversuche der Frauenbewegung im Iran. Hamburg: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37914-demokratieversuche-der-frauenbewegung-im-iran_46164, veröffentlicht am 18.12.2014. Buch-Nr.: 46164 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

Suchen...