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Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno

Ulrich Ruschig / Hans-Ernst Schiller (Hrsg.)

Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2014 (Staatsverhältnisse 64); 229 S.; brosch., 39,- €; ISBN 978-3-8487-1426-1
Für Horkheimer und Adorno, das räumen die Herausgeber bereits in der Einleitung ein, spielte „der Bezugspunkt des politischen Handels, der Staat, […] keine herausgehobene Rolle“ (11). Wie für viele marxistische Autoren richtet sich die Interpretation und Kritik des Staates stets auf die gesellschaftliche (Un)Ordnung – im Falle der Kritischen Theorie zunächst auf den Sozialcharakter, später auf die postliberale Kultur insgesamt. Ob deshalb der Schluss gezogen werden kann, dass gesellschaftskritische und kulturtheoretische Überlegungen, obgleich sie stets eine politische Note aufgewiesen haben, auch einen Bezug zur Staatstheorie enthalten, ist die zentrale Frage des Sammelbandes. Sicherlich versammelt er zentrale Themen, die einen politischen Bezug haben: die Liberalismuskritik, die sozialpsychologischen Studien zum Autoritarismus, die Debatte um den Nationalsozialismus und den Staatskapitalismus, der Racketbegriff, die Arbeiten zur postliberalen verwalteten Welt, die Nationalismusinterpretation sowie das jeweilige Spätwerk. Wer sich für die Theoriegeschichte des inneren Zirkels der Kritischen Theoretiker und ihre Auseinandersetzung mit Kollegen am Institut (Neumann, Kirchheimer, Pollock und Fromm) sowie mit der marxistischen Tradition interessiert, wird von den Beiträgen angesichts der Expertise der Autoren kaum enttäuscht sein – auch wenn die Thesen den mit der Thematik vertrauten Lesern bekannt sein dürften. Aber streng genommen lässt sich nach der Lektüre der zweifellos aufschlussreichen Beiträge kein explizites Staatsverständnis der beiden Theoretiker gewinnen: Weil das negative Zentrum von Horkheimers und Adornos – insgesamt überschaubaren – politiktheoretischen Überlegungen der Nationalsozialismus bildet, begreifen sie Herrschaft stets als nichtrationales Element, an deren Fortschreibung sie sich nicht beteiligen wollen. Die Folgen dieser „Leerstelle“ (Per Jepsen, 209), die sich in ihrem ambivalenten Verhältnis zur Nachkriegsordnung (nicht nur gegenüber der Studentenbewegung, sondern auch gegenüber den beiden Lagern im Kalten Krieg) zeigt, lässt sich nicht einfach dadurch beheben, dass ihre politische Kritik am Elend der Welt wiederholt wird. Die eigene Sprachlosigkeit ist letztlich die Folge jenes Diktums Adornos, das eine entsprechende Staatstheorie grundsätzlich verunmöglicht: „Die Irrationalität der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur verhindert ihre rationale Entfaltung in der Theorie.“ (Adorno, Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft, AGS 8, Seite 359, zitiert nach Hans‑Georg Bensch, 175) Insofern erweist sich das Staatsverständnis von Adorno und Horkheimer weniger als Desiderat denn als Sisyphosarbeit.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.465.41 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Ulrich Ruschig / Hans-Ernst Schiller (Hrsg.): Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno Baden-Baden: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37811-staat-und-politik-bei-horkheimer-und-adorno_46219, veröffentlicht am 20.11.2014. Buch-Nr.: 46219 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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