Portal für Politikwissenschaft

Gültige Aussagen

Petra Haarmann / Jörg Ulrich / Gerold Wallner

Gültige Aussagen. Was ist die bürgerliche Gesellschaft und warum hat sie keinen Bestand?

Wien: Mandelbaum Verlag 2013 (kritik & utopie); 280 S. ; 24,90 €; ISBN 978-3-85476-627-8
Die äußere Form ist ungewöhnlich – die Kapitel des Bandes kommen in sieben einzelnen Heftchen daher, die in einem Schuber zusammengefast sind. Die von der Darreichungsform geweckte Hoffnung, tatsächlich auf etwas Ungewöhnliches gestoßen zu sein, erfüllt das Buch aber nicht. Zieht man das titelgebende Heft mit der Überschrift „Gültige Aussagen?“ heraus, dann findet sich darin eine Problematisierung der paradoxen Situation, wonach in pluralistischen Demokratien alle Aussagen, die in der politischen Öffentlichkeit getätigt werden, potenziell in gleichem Maße gültig sein müssten – es aber dennoch nicht sind. Daraus leiten die Autoren eine Kritik der gegenwärtigen politischen Öffentlichkeit ab, deren Vermachtung und Hierarchisierung letztlich auf eine Zementierung des Bestehenden hinauslaufe. Die bestehende, nur reichlich vage skizzierte bürgerliche Gesellschaft, die ihrerseits auf einer Unterdrückung alternativer politischer, sozialer, ökonomischer etc. Praktiken gründe und die damit wesentlich Gewaltverhältnisse fortschreibe, gelte es zu überwinden. Um nicht in das „über hundert Jahren selbe Lied“ einzustimmen, wenn es um das zumeist ebenso revolutionäre wie utopische „Unterfangen der Verbesserung und Optimierung der Verhältnisse“ (40) geht, betonen die Autoren – in durchaus sympathischer Art und Weise – die subjektive Komponente im Ringen um gesamtgesellschaftliche Deutungsmacht. Nimmt man die Forderung nach der Gleichwertigkeit aller Ausdeutungen, aller Aussagen über die Welt ernst, dann resultiert daraus letztlich ein an die Gestaltungsfähigkeit des Einzelnen gerichteter Appell: „Tu das, was du zu tun müssen, [sic!] glaubst! Das ist schon schwer genug.“ (42) – In der Summe bleibt eine nur schwer anschlussfähige, vielleicht auch gar nicht als anschlussfähig intendierte Epochenkritik der gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse. Die allerdings hält mit der ungewöhnlichen Darreichungsform kaum mit, obwohl doch genug zu sagen wäre über die alltäglichen Leiden an und mit den bestehenden Verhältnissen.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.425.33 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Petra Haarmann / Jörg Ulrich / Gerold Wallner : Gültige Aussagen. Wien: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37744-gueltige-aussagen_44667, veröffentlicht am 06.11.2014. Buch-Nr.: 44667 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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