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1964 – das Jahr, mit dem "68" begann

Robert Lorenz / Franz Walter (Hrsg.)

1964 – das Jahr, mit dem "68" begann

Bielefeld: transcript Verlag 2014 (Studien des Göttinger Instituts für Demokratieforschung zur Geschichte politischer und gesellschaftlicher Kontroversen 7); 375 S.; 29,99 €; ISBN 978-3-8376-2580-6
Alles ist politisch – die Parole der 68er‑Bewegung stimmte schon Jahre zuvor, wie sich in diesem äußerst kurzweilig zu lesenden und sehr informativen Band über die Zeit, in der „sich vieles von ‚68‘ bereits andeutete“, zeigt. Die Herausgeber identifizieren in ihrer Einleitung 1964 als das Jahr, in dem sich „soziale und politische Phänomene zu einem Konglomerat gesellschaftlicher Modernisierung, wie vielleicht in keinem Jahr danach“ (9), andeuteten. Anhand ausgewählter Beispiele wird in den Beiträgen ein tiefgreifender Wandel beschrieben, ohne den der spätere Marsch durch die Institutionen unmöglich gewesen wäre – ohne Zweifel hat sich erst die Gesellschaft verändert, bevor den staatlichen Institutionen neues Leben eingehaucht werden konnte. Deutlich wird, wie widersprüchlich die Entwicklungen verliefen und wie wenig sie zum Teil unserem heutigen Verständnis von Gleichberechtigung entsprechen – so mit Blick auf den „Mythos Minirock“ (97), der als Zeichen der weiblichen Emanzipation gefeiert wurde, obwohl doch eigentlich das Tragen von Hosen angezeigt gewesen wäre, wie Jens Gmeiner völlig richtig bemerkt. Ähnliches gilt auch für den „Boxchampion Cassius Clay als Teil amerikanischer Gegenkultur“ (33), dessen Emanzipationsbestrebungen mit Frauenfeindlichkeit und schwarzem Rassismus gepaart waren, wie Lars Geiges aufzeigt. Stellvertretend für die Ereignisse, die erst auf längere Sicht ihre Wirkung entfalteten, steht die Verurteilung von Nelson Mandela; Lisa Brüßler erinnert daran, wie wenig Aufsehen diese zunächst erregte. Hervorzuheben sind ebenso die Aufsätze über die Kunst, die der Gesellschaft einen völlig neuen Blick auf sich selbst ermöglichte: Miriam Zimmer beschreibt die Pop Art als so neu, dass sie geradezu verstörend gewirkt haben muss; Julia Kiegeland erklärt, wie die Arbeiten von Joseph Beuys und vor allem sein Verständnis von der Gesellschaft als sozialer Plastik zu verstehen sind. Zu den Aufbrüchen, die im engeren politischen Bereich stattfanden, zählt das erste Passierscheinabkommen, das Oliver D’Antonio als das Ende der Eiszeit zwischen Ost und West würdigt. Positiv zu vermerken ist, dass das Jahr 1964 auch für die DDR betrachtet wird – die BSG Chemie Leipzig wurde eher unerwünscht Fußballmeister, Künstler wie Wolf Biermann und der Regisseur Frank Beyer oder Wissenschaftler wie Robert Havemann machten der SED klar, dass sie am eigenen Anspruch scheiterte. Aber das Regime sorgte dafür, dass der deutsche Himmel vorerst geteilt blieb, wie Michael Lühmann in seinem Beitrag erinnert. Im Westen aber beschleunigte sich der Wandel, die Gesellschaft war am Ende des Jahrzehnts, so Lorenz und Walter, „demokratischer, liberaler, auch hedonistischer“ (360).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.22.222.232.3132.3142.3312.352.612.632.672.68 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Robert Lorenz / Franz Walter (Hrsg.): 1964 – das Jahr, mit dem "68" begann Bielefeld: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37671-1964--das-jahr-mit-dem-68-begann_45746, veröffentlicht am 16.10.2014. Buch-Nr.: 45746 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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