Portal für Politikwissenschaft

Politikwandel vs. Paradigmenwechsel

Sebastian Ennigkeit

Politikwandel vs. Paradigmenwechsel. Gründe, Ausmaß und Richtung integrationspolitischer Entwicklungen in Deutschland und Frankreich

Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2013 (Studien zur Migrationsforschung 16); 308 S.; 89,80 €; ISBN 978-3-8300-7522-6
Politikwiss. Diss. Freiburg; Begutachtung: H. Weiland, D. Oberndörfer. – Wie kann Integrationspolitik in Zeiten wirtschaftlicher Veränderungen erfolgreich gestaltet werden? Sebastian Ennigkeit untersucht mit Deutschland und Frankreich zwei Länder, die für unterschiedliche Wege stehen. Während Frankreich als republikanisches Integrationsmodell gilt (Integration abseits ethnischer Kriterien bei Bekenntnis der Eingewanderten zu den Werten des Aufnahmelandes sowie vollem Zugang zu Bürgerrechten und der Staatsangehörigkeit), wurde Deutschland lange dem exklusiven Integrationsmodell (Integration nur von Angehörigen der gleichen ethnischen Gruppe bei einem restriktiven Einbürgerungsrecht) zugerechnet. Dennoch stehen beide Gesellschaften integrationspolitisch vor ähnlichen Herausforderungen. Der Autor bildet die unterschiedliche Entwicklung der Integrationspolitik in der Bundesrepublik und in Frankreich ab und fragt, ob ein Politikwandel in beiden Ländern innerhalb der vergangenen zehn Jahre feststellbar ist. Hierzu vergleicht er die politisch‑rechtlichen und kulturell‑religiösen Dimensionen der Integrationspolitik. Die erste Dimension umfasst die Analyse des Staatsangehörigkeitsrechts und die Frage nach der Gestaltung von Antidiskriminierungsansätzen. Hinzu kommt die Untersuchung lokaler Ansätze, die die Wirtschaftsförderung, die Bildungspolitik und Maßnahmen der städtebaulichen Entwicklung mit einschließt. Die zweite Dimension wird anhand der Frage analysiert, wie der Staat mit einer großen Minderheit, in diesem Falle mit muslimischen Einwanderern, umgeht. Insgesamt kommt Ennigkeit zu dem Schluss, dass in Deutschland zwar ein Politikwandel feststellbar ist, aber bislang kein Paradigmenwechsel stattgefunden hat: „Nach wie vor erkennen nicht alle relevanten politischen Kräfte die Einwanderungsrealität an“ (269). Weiterhin besteht vor allem im Bereich der Sprachförderung teilweise noch erheblicher Ausbaubedarf. Auch in Frankreich ist ein Wandel der Integrationspolitik feststellbar. Dennoch wird das republikanische Modell trotz aller Kritik grundsätzlich nicht infrage gestellt, obwohl die Aufstiegschancen für kulturell assimilierte Einwanderer nach wie vor von der sozialen und ethnischen Herkunft abhängig sind. Zwar werden die Integrationsparadigmen gerade von Seiten der französischen Rechten regelmäßig als gescheitert angesehen, jedoch in ihren Grundzügen fortgeführt. Ein mehrheitsfähiges Gegenmodell existiert bis heute nicht. Daher konstatiert der Autor, „dass die traditionellen Denk‑ und Handlungsmuster weiterhin sehr stark die deutsche und französische Integrationspolitik beeinflussen. In beiden Fällen lässt sich die integrationspolitische Pfadabhängigkeit deutlich erkennen.“ (275)
Fabrice Gireaud (FGI)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand und wiss. Mitarbeiter, Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie, Universität Vechta.
Rubrizierung: 2.2632.612.222.232.352.343 Empfohlene Zitierweise: Fabrice Gireaud, Rezension zu: Sebastian Ennigkeit: Politikwandel vs. Paradigmenwechsel. Hamburg: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37551-politikwandel-vs-paradigmenwechsel_45895, veröffentlicht am 18.09.2014. Buch-Nr.: 45895 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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