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Die türkische Außenpolitik 2002-2012

Christian Johannes Henrich

Die türkische Außenpolitik 2002-2012. Die Türkei zwischen regionalem Hegemonieanspruch und Nullproblempolitik am Beispiel der türkisch-armenischen Beziehungen

Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2013 (Schriften zur internationalen Politik 36); XIV, 220 S.; 79,80 €; ISBN 978-3-8300-6735-1
Diss. Siegen; Begutachtung: S. Canbolat, J. Bellers. – Das Schrifttum zur Türkei als außenpolitischem Akteur im internationalen System ist – trotz der Rolle des Landes in der NATO, der türkischen Ambitionen im Nahen Osten, in Afghanistan und darüber hinaus sowie vor allem angesichts der Beziehungen zur Europäischen Union – übersichtlich. Arbeiten wie die von Alexander Murinson (2010), Ciqdum Üstün (2010) oder zuletzt Ahmet Kaya (2014) konzentrieren sich auf sicherheitspolitische Aspekte. Umso wichtiger sind (Fall‑)Studien wie die von Christian Johannes Henrich, derzeit Lehrbeauftragter an der Universität Siegen, der sich explizit mit der Entwicklung der türkischen Außenpolitik in den Jahren von 2002 bis 2012 befasst. Der Zeitraum ist klug gewählt, da die Regierung Erdogan 2002 ins Amt kam und Außenminister Davutoglu alsbald eine außenpolitische Agenda vorgelegt hat, die – wie Henrich zeigen kann – an die Vorgängerregierung Özal anschließt. Um nun herauszuarbeiten, was das vermeintlich Neue an dieser Agenda ist, muss Henrich erst einmal die außenpolitische Programmatik der Regierung Erdogan freilegen, die in der europäischen Wahrnehmung immer noch von der türkischen Innenpolitik überlagert wird. Während unter Erdogan bestimmte Leitlinien (zum Beispiel der EU‑Beitritt, das Gewicht in der NATO, die Kurden‑Frage) beibehalten wurden, bleibt zu klären, wo und wie sich die Handschrift Erdogans in der als neu postulierten Außenpolitik bemerkbar macht. Die ihm zugeschriebenen pan‑osmanischen Intentionen hatte schon Özal. Sind sie also nur deshalb neu, weil Erdogan sie neu interpretiert? Henrich nutzt die Beziehungen zum Nachbarn Armenien als Folie, um dies zu klären. Hier identifiziert er gleich zwei Konflikte, die eine Neuaufnahme der 1992 abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen Ankara und Eriwan unwahrscheinlich machen: den Völkermord an den Armeniern und die Bergkarabach‑Frage, in der sich die Türkei gegen Armenien positioniert. Henrich zeigt, dass Erdogan derzeit vom Status quo profitiert. Die Agenda dient ihm aber als Rückversicherung, sollte sich daran etwas ändern. Insofern hat sich Erdogan eine veränderte Ausgangsbasis geschaffen, die ihm in der Tat neue Handlungsspielräume eröffnet.
Martin Schwarz (MAS)
Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, Institut für Sozialwissenschaften und Philosophie (ISP) an der Universität Vechta.
Rubrizierung: 2.634.22 Empfohlene Zitierweise: Martin Schwarz, Rezension zu: Christian Johannes Henrich: Die türkische Außenpolitik 2002-2012. Hamburg: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37444-die-tuerkische-aussenpolitik-2002-2012_45873, veröffentlicht am 21.08.2014. Buch-Nr.: 45873 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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