Portal für Politikwissenschaft

"Im Kopf der Bestie"

Christian Lütnant

"Im Kopf der Bestie" Die RAF und ihr internationalistisches Selbstverständnis

Marburg: Tectum Verlag 2014 (Geschichtswissenschaft 23); 184 S.; 29,95 €; ISBN 978-3-8288-3322-7
Christian Lütnant unternimmt in seiner Arbeit den Versuch, das internationalistische Selbstverständnis der RAF nicht nur „noetisch“ (13), sondern auch strukturell zu erfassen: „Was kann diese Arbeit nun leisten? Es gilt, das zu untersuchende Themenfeld unter Berücksichtigung seiner konstitutiven Inhalte in adäquater Breite abzustecken und einer ersten Gliederung zu unterziehen. [… So] muss die Leistung dieser Arbeit wohl in einer ersten Periodisierung des Internationalismus der RAF gesehen werden.“ (16) Das von Lütnant angenommene Forschungsdesiderat, wonach die bisherige Forschung nicht hinreichend die internationale Dimension des deutschen Linksterrorismus mit Blick auf ihre Auswirkungen im Denken der handelnden Akteure berücksichtigt habe, soll durch eine Analyse öffentlich zugänglicher Quellen – hauptsächlich aus diversen Verlautbarungen der RAF selbst – aufgelöst werden. Internationalismus ist, insofern er einen globalen Imperialismus ebenso wie eine globale Differenzierung in Arm und Reich als analytische Leitkategorien für die Dynamiken der internationalen Politik anbietet, relativ einfach dimensioniert. Für Lütnant dient er als zentraler Bezugspunkt seiner Analyse der Quellentexte, die den Zeitraum von Anfang der 1970er‑Jahre bis hin zur selbst erklärten Auflösung der RAF 1998 abdecken. Neben der nicht gänzlich sauberen begrifflichen und historischen Verquickung von Studentenbewegung und Linksterrorismus fällt das Ergebnis der Analyse doch recht eindimensional aus: „So war der Internationalismus der RAF mehr Kampfbegriff oder sogar Parole als ein intellektuelles Konzept.“ (174) Das Verständnis von Internationalismus sei über die Generationen stabil geblieben, so Lütnants Fazit. Inwieweit dieser Befund zu einem besseren Verständnis des deutschen Linksterrorismus und der Frage progressiver Gewalt beiträgt, zumal die diversen Verbindungen der RAF nach Palästina, Frankreich oder auch Italien bereits Gegenstand verschiedener Untersuchungen waren, bleibt offen.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.37 | 2.313 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Christian Lütnant: "Im Kopf der Bestie" Marburg: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37437-im-kopf-der-bestie_45733, veröffentlicht am 21.08.2014. Buch-Nr.: 45733 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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