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Deutschland im Staatenverbund

Christian Gellinek

Deutschland im Staatenverbund

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2014; 121 S.; geb., 22,95 €; ISBN 978-3-631-64642-7
Der Titel dieses Bandes macht eigentlich neugierig, weil man eine rechtswissenschaftliche Abhandlung erwartet, die die Verbundproblematik der EU und die besondere Rolle der Bundesrepublik darin beleuchtet. Christian Gellinek ist allerdings emeritierter Professor für Deutsche Philologie und seine kleine Schrift leider eine Aneinanderreihung von Anekdoten, persönlich gefärbten Impressionen und Einschätzungen zu unzähligen politischen Entwicklungen und Kontroversen der jüngeren Gegenwart in der Bundesrepublik. Ein roter Faden ist dabei nicht wirklich erkennbar – bereits die fortlaufende Nummerierung der einzelnen Absätze irritiert. Gellinek versucht nach eigener Aussage mit Blick auf die „ständigen Kurskorrekturen“, die die Verfassung angesichts des europäischen Integrationsprozesses erfordere, einen „Lotsendienst vorzuführen“ (11). Im Geiste Rudolf Smends will er dabei „praktisch und undogmatisch in lesbarer Form das politische Zusammenleben in der neuen Bundesrepublik Deutschland registrieren“ (12). In diesem Sinne beginnt Gellinek seine Tour d’horizon mit einer kritischen Breitseite gegen Jürgen Habermas‘ Überlegungen zur Verfassung Europas, die er als unrichtige Utopietheorie brandmarkt. Nach einigen Absätzen zur Bedeutung von Symbolen problematisiert Gellinek im zweiten Abschnitt die „Einschätzungen Deutschlands durch die Europäische Union“ (41). Dabei handelt es sich aber vielmehr um Kurzbeschreibungen der Nachbarstaaten der Bundesrepublik, bei denen historische Besonderheiten mit kulturellen Eigenarten anekdotisch aneinander gereiht werden – offenbar Versatzstücke aus früheren Publikationen. Die Attitüde der Erzählung kommt dabei belehrend und zurecht‑rückend daher. Zwischendrin finden sich dann neben ein paar integrationstheoretischen Gedanken auch Ausführungen zur „Sozialkompetenz“ und „Spielekultur“ (57) der deutschen Jugend sowie zum Verdacht der Spionage‑Aktivitäten der NSA. In Abschnitt III „Der Einzelne in der Gesellschaft“ (63) geht Gellinek dann unter anderem der Frage „Was ist Erholung?“ (67) nach, um wenige Absätze später mit ein paar Auslassungen über Celans Todesfuge die Frage nach „Israels Sicherheit“ (70) als Staatsräson der Bundesrepublik zu problematisieren und wiederum drei Seiten später darauf hinzuweisen, dass „Arbeit und Urlaub […] leider nicht immer“ (73) zusammengehören. Es ist dieser unselige Eklektizismus, gespickt mit diversen normativen Werturteilen sowie einer zum Ende hin steigenden Zahl an Rechtschreib‑ und Bezugsfehlern, der einen schließlich fragen lässt, was uns der Autor mit diesem Wust sagen will. Auch wenn die abschließenden Thesen einen Bogen zur Frage nach dem Verbundcharakter der EU schlagen wollen, so wirken sie nach den Aneinanderreihungen all dieser Episödchen doch einfach nur sehr bemüht.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.323.15.41 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Christian Gellinek: Deutschland im Staatenverbund Frankfurt a. M. u. a.: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37390-deutschland-im-staatenverbund_45831, veröffentlicht am 07.08.2014. Buch-Nr.: 45831 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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