Portal für Politikwissenschaft

Erosion der gesellschaftlichen Mitte

Bernhard Müller

Erosion der gesellschaftlichen Mitte. Mythen über die Mittelschicht. Zerklüftung der Lohnarbeit. Prekarisierung & Armut. Abstiegsängste

Hamburg: VSA 2013; 142 S.; 14,80 €; ISBN 978-3-89965-496-7
Wohl kaum eine soziale Schicht ist für das politisch‑kulturelle Selbstverständnis und die politische Stabilität der Bundesrepublik jemals so wichtig gewesen wie die Mittelschicht. In ihr manifestierten sich über Jahrzehnte die Wirkungen der sozialen Marktwirtschaft. Gegenwärtig macht sich jedoch eine immer breitere Verunsicherung bemerkbar, die Angst vor einem sozialen Abstieg betrifft zunehmend größere Teile der Bevölkerung. Einen Grund sieht Bernhard Müller in der „Polarisierung der Einkommen“ (7), die aus seiner Sicht in den zurückliegenden Jahren zugenommen hat. Er zeichnet dezidiert nach, wie es gegenwärtig um die Mittelschicht steht – und welche (partei‑)politischen Konsequenzen sich aus diesem Befund ableiten lassen. Was zunächst die Diagnose anbelangt, so kommt er zu einem erschreckend eindeutigen Ergebnis: „Wir haben gesehen: Die vom Finanzmarktkapitalismus bewirkte Destabilisierung der Lohnarbeitsverhältnisse bedroht auch die mittleren Einkommenslagen.“ (124) An diese Diagnose schließt sich die Frage an, inwieweit die seit Mitte der 1980er‑Jahre anhaltende neoliberale Politik, die für eine deutliche wirtschaftliche Verschlechterung der Lebensverhältnisse breiter Bevölkerungsteile verantwortlich ist, auch noch weiterreichende Folgen nach sich zu ziehen droht. Mit der Verschlechterung der Lebensverhältnisse gehe, so Müller, eine steigende Verunsicherung und Verängstigung einher. Die sich in zunehmendem Maße als materiell bedroht empfindenden Bevölkerungsgruppen würden zunehmend auch empfänglicher für populistische Alternativen, die schnell einfache Lösungen versprächen. Insofern bedeutet für Müller die Erosion der Mittelschicht gleichsam auch eine massive Bedrohung für das etablierte politische System. „Einhegen“, so ist sich Müller sicher, „ließe sich der Siegeszug eines solchen rechtspopulistischen Fluchtweges nur durch eine Politik des systemkritischen Umbaus, der u. a. durch die Einführung von sozialen Mindeststandards die unteren sozialen Schichten wie die erodierende Mitte stabilisiert“ (129). Über andere Ausgrenzungsfaktoren, wie etwa Herkunft oder Bildung, die in diesem so unglaublich reichen Land noch immer eine große Rolle für die Verteilung von Zukunftschancen spielen, ist dabei noch gar nicht gesprochen worden – über jene, die schon heute unterhalb der Mittelschicht stehen (Stichwort: „abgehängtes Prekariat“) auch nicht.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.222.2622.3312.342 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Bernhard Müller: Erosion der gesellschaftlichen Mitte. Hamburg: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37331-erosion-der-gesellschaftlichen-mitte_45624, veröffentlicht am 24.07.2014. Buch-Nr.: 45624 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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