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Strategische Rüstungskontrolle und deutsche Außenpolitik in der Ära Helmut Schmidt

Gunnar Seelow

Strategische Rüstungskontrolle und deutsche Außenpolitik in der Ära Helmut Schmidt

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2013; 490 S.; 89,- €; ISBN 978-3-8487-0717-1
Diss. Erlangen‑Nürnberg; Begutachtung: G. Schöllgen, F. Kießling. – Welchen Einfluss hatte die westdeutsche Außen‑ und Sicherheitspolitik Ende der 1970er‑, Anfang der 1980er‑Jahre auf die strategischen Ziele und Absichten der Supermächte und insbesondere auf die NATO‑Führungsmacht? Und wie ist der NATO‑Doppelbeschluss in dieser Hinsicht zu verorten – als der große Wurf europäisch fokussierter Sicherheitspolitik mit einem starken deutschen Moment oder doch nicht mehr als die durch Washington längst beschlossene Entscheidung, die einem Bundeskanzler das Amt kostete? Dass die westdeutsche Reichweite in der Beeinflussung US‑amerikanischer Strategieüberlegungen und ‑absichten während des Ost‑West‑Konfliktes nicht so stark ausgeprägt gewesen ist, wie sich aus den Memoiren wichtiger Beteiligter oder den Darstellungen ihrer zeitgenössischen Interpreten ablesen ließe, ist grundsätzlich keine überraschende Erkenntnis. Allerdings hatte dies bislang noch niemand so deutlich im Zusammenhang mit dem NATO‑Doppelbeschluss herausgestellt wie Seelow in dieser Analyse. Der strategischen Arithmetik der Ford‑ und Carter‑Administrationen konnte sich die sozialliberale Bundesregierung unter Schmidt weder entziehen noch ihr einen besonderen Stempel aufdrücken. So wichtig auch US‑Akteure die westdeutschen Bemühungen um eine Entspannung im Rahmen der Ostpolitik erachten mochten und sie unterstützten und so wichtig auch geopolitisch die europäische Region sein mochte: Wer zwischen sich und einem potenziellen Kriegsschauplatz mehrere tausend Kilometer Wasser weiß, bewertet eine Bedrohung immer anders, als der, der auf eben diesem Schauplatz leben muss. Seelows quellenreiche Studie zeichnet diesen Zwiespalt zwischen schon damals offensichtlich unveränderbaren strategischen Festlegungen und der Bonner Wahrnehmungsperspektive akribisch nach. Mochten sich die SPD und die Gallionsfigur Bonner Entspannungspolitik Willy Brandt dem Gedanken hingeben, man verfüge auch über die Option, eine Stationierung abzulehnen – der 1982 gestürzte Bundeskanzler Helmut Schmidt wusste, dass das eine Illusion war. Seelow bescheinigt Schmidt zwar realpolitische Einsichten, aber er kritisiert dessen Narrativ des vorgeblich einflussreichen westdeutschen Beitrages zur Rüstungskontrolle, zum Nachrüstungsbeschluss und in seinen eigenen Beiträgen auf internationaler Bühne und NATO‑Parkett: „Helmut Schmidt [hatte] nur begrenzten Einfluss auf die Rüstungskontrollpolitik der Supermächte und konnte allianzpolitischen Entscheidungen häufig nur reaktiv begegnen. Auch gelang es ihm nicht, der SPD Verständnis für bündnispolitische Notwendigkeiten zu vermitteln.“ (459)
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 4.214.224.14.412.3132.64 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Gunnar Seelow: Strategische Rüstungskontrolle und deutsche Außenpolitik in der Ära Helmut Schmidt Baden-Baden: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37298-strategische-ruestungskontrolle-und-deutsche-aussenpolitik-in-der-aera-helmut-schmidt_45362, veröffentlicht am 17.07.2014. Buch-Nr.: 45362 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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