Portal für Politikwissenschaft

Politik und Freundschaft

Jacques Derrida

Politik und Freundschaft. Gespräch über Marx und Althusser. Aus dem Französischen von Noe Tessmann

Wien: Passagen Verlag 2011 (Passagen Forum); 111 S.; brosch., 14,90 €; ISBN 978-3-7092-0111-4
Ende der 1980er‑Jahre stellt Michael Sprinker einem der vielleicht einflussreichsten Denker der vergangenen Jahrzehnte eine Gretchenfrage: Wie hältst du es mit Marx? Das Gesprächsprotokoll liegt nun in deutscher Übersetzung vor und beleuchtet einen blinden Fleck der (post‑)modernen Theoriegeschichte. Als Schüler und Kollege Althussers gehört Jacques Derrida einer Generation an, die so tief von dessen Diskurs geprägt wurde und doch entweder darüber schweigt oder sich gezielt davon abwendet. Als Leitmotiv dieser Abgrenzung taucht immer wieder Althussers quasi dogmatisches Beharren auf der wissenschaftlichen Überlegenheit des historischen Materialismus auf, sein vermeintlicher Theoretizismus. Althussers Projekt, die Theorie radikal als Klassenkampf zu begreifen, bringt auch Derrida in eine Situation zwischen Einschüchterung und strategischem Schweigen, in der er „also gelähmt, wortlos […] vor der Emphase und Geschwollenheit in Bezug auf die Theorie und die Wissenschaft“ (22) bleibt. Auch aus Furcht, eine kritische Befragung Althussers zu jener Zeit als eine reaktionäre Geste verkannt zu sehen, wendet sich Derrida im Stillen seiner Arbeit zu und bleibt doch stark von ihm beeinflusst. Seine Kritik am Historismus und die dekonstruktivistische Abkehr von jeglicher metaphysischer Verankerung lassen sich in diesem Lichte als implizite Kritik an Althussers Ideologiebegriff und der Determination durch die Ökonomie in letzter Instanz begreifen. Aus demselben Reflex bleibt auch Marx zunächst unterrepräsentiert in Derridas Werk, als ein „immer noch weitgehend metaphysischer Text“ (36). Demnach liegt das Marx’sche Erbe für Derrida nicht in der dogmatischen Lektüre, sondern vielmehr in der Aktualisierung und Arbeit im Sinne von Marx. Dem sieht er auch sein Konzept der kommenden Demokratie verschrieben, als den politischen Aushandlungsprozess zwischen dem, was ist, und dem demokratischen Versprechen des Anderen. Wie so oft im direkten Gespräch erfährt man so nicht nur viel über das Denken Derridas selbst, sondern auch, wie es sich innerhalb einer (geschichtlichen) theoretischen Formation einordnen lässt.
Alexander Struwe (AST)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 5.425.43 Empfohlene Zitierweise: Alexander Struwe, Rezension zu: Jacques Derrida: Politik und Freundschaft. Wien: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37220-politik-und-freundschaft_45407, veröffentlicht am 26.06.2014. Buch-Nr.: 45407 Rezension drucken

Suchen...