Portal für Politikwissenschaft

Frauen (und) Macht in Lateinamerika

Elisabeth Tuider / Hans-Jürgen Burchardt / Rainer Öhlschläger (Hrsg.)

Frauen (und) Macht in Lateinamerika

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2013 (Studien zu Lateinamerika 25); 200 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-8487-0758-4
Die Beiträge des Sammelbandes nehmen die Spezifika bei der (Neu‑)Konfiguration von Geschlechterrollen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen Lateinamerikas in den Blick. Auf dem Kontinent ist seit der demokratischen Konsolidierung einiger ehemaliger Diktaturen eine teilweise bemerkenswerte Bewegung zu beobachten. So hat Argentinien 2012 „als erstes Land der Welt legalisiert, dass jeder und jede sein/ihr/siehr Geschlecht – unabhängig von der ‚biologischen‘ Geschlechtsbestimmung bei der Geburt – selbstbestimmt wählen kann“ (7). Der formalen Gleichstellung der Geschlechter steht indes immer noch ein Alltag der Frauen gegenüber, der mit vielen Nachteilen und sexuellen, rassistischen oder anderweitigen Diskriminierungen gespickt ist. Andrew Canessa etwa erläutert in seinem Beitrag eine spezifische Form sexueller Ästhetik in Bolivien, die indigene Trachten mit eindeutig weißen, europäisch aussehenden Frauen kombiniert: „In Bolivien sind bis heute Abbildungen weiblicher körperlicher Schönheit fast ausschließlich weiß.“ (74) Neben solchen, nicht zuletzt auch kolonial bedingten Formen eines weiterhin hegemonialen, westlich geprägten Schönheitsideals kommen auch offen kriminelle Formen von Diskriminierung und Ausbeutung zur Sprache. Johanna Neuhauser führt unter Rückgriff auf die soziologische Theorie Pierre Bourdieus am Beispiel der Prostitution in Brasilien vor, dass Sexarbeiterinnen Prostitution einerseits als moralisch verwerflich wahrnehmen, sie andererseits aber als vergleichsweise lukrativste Einnahmequelle präferieren. Letztlich sei es jedoch die weit verbreitete soziale Ablehnung des Berufes, die ihnen den gewünschten und erhofften sozialen Aufstieg verwehrt. Die Herausgeber_innen plädieren insgesamt für die Notwendigkeit des politischen Umgangs mit einer zunehmend fluider werdenden sozialen Realität des „Subjekts ‚Wir‑Frauen‘“ (17).
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.652.27 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Elisabeth Tuider / Hans-Jürgen Burchardt / Rainer Öhlschläger (Hrsg.): Frauen (und) Macht in Lateinamerika Baden-Baden: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37209-frauen-und-macht-in-lateinamerika_45572, veröffentlicht am 19.06.2014. Buch-Nr.: 45572 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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