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Verhandelte Demokratisierung

Francesca Weil

Verhandelte Demokratisierung. Die Runden Tische der Bezirke 1989/90 in der DDR

Göttingen: V&R unipress 2011 (Berichte und Studien 60); 248 S.; kart., 22,99 €; ISBN 978-3-89971-881-2
Über die 1989/90 zahlreich entstandenen Runden Tische gibt es in der Forschungsliteratur unterschiedliche Ansichten: Kommen einige Wissenschaftler_innen zu dem Schluss, dass die Runden Tische eine Schule der Demokratie waren, meinen andere, dass der Dialog zwischen SED, den anderen DDR‑Parteien und den Bürgerrechtsbewegungen die Entmachtung der SED verzögert habe. Francesca Weil macht es sich zur Aufgabe, die „Rolle und Funktion der 15 Runden Tische der Bezirke im ostdeutschen Transitionsprozess“ (15) zu bestimmen. Sie fragt unter anderem, ob die Impulse zur Demokratisierung „von unten“ kamen oder ob sie „von oben“ verordnet wurden. Für ihre Untersuchung führte Weil mündliche und schriftliche Zeitzeugeninterviews und sichtete viele Dokumente, die weit verstreut in mehreren Archiven und in privatem Besitz sind. Wie die Autorin feststellt, gibt es sehr unterschiedliche Entstehungszusammenhänge und ‑gründe für die Runden Tische: Einige bildeten sich spontan und „von unten“, andere wurden nach dem Beschluss der Modrow‑Regierung zur Unterstützung der Runden Tische (21.12.1989) „von oben“ verordnet und initiiert. Auch die Zusammensetzung der Tische variierte zum Teil erheblich, allen ist jedoch gemeinsam, dass die jeweiligen Akteur_innen diese selbst aushandelten. Dabei wurde das Mandat der Akteur_innen nicht über demokratische Wahlen legitimiert, sondern beruhte auf der Akzeptanz der/des Einzelnen in der Bevölkerung. Wenngleich den Runden Tischen keinerlei Exekutivfunktion zukam und auch ihre Kontroll‑ und Einflussmöglichkeiten sehr gering waren und blieben, gaben doch mehrere Angehörige der neuen Gruppierungen an, dass die unter Druck geratenen Staatsfunktionäre „ehrliches Bemühen“ zeigten, „in die Debatte zu kommen“ (190). Die Vertreter_innen der neuen Gruppierungen haben zu keinem Zeitpunkt versucht, die alten Machteliten abzusetzen oder provisorische Institutionen zu bilden, stellt die Autorin abschließend fest, aber mit ihrer Tätigkeit an den Runden Tischen maßgeblich dazu beigetragen „die Proteste zu kanalisieren und eine gewaltfreie Institutionalisierung der Demokratie zu gewährleisten“ (230).
Ines Weber, M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Francesca Weil: Verhandelte Demokratisierung. Göttingen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37192-verhandelte-demokratisierung_41968, veröffentlicht am 19.06.2014. Buch-Nr.: 41968 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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