Portal für Politikwissenschaft

20 Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaftsvertrag

Gilbert H. Gornig / Hans-Detlef Horn / Hans-Günther Parplies (Hrsg.)

20 Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaftsvertrag. Realpolitische Stichproben aus einer fortschreitenden Völkerverständigung

Berlin: Duncker & Humblot 2013 (Staats- und völkerrechtliche Abhandlungen der Studiengruppe für Politik und Völkerrecht 28); 173 S.; brosch., 68,90 €; ISBN 978-3-428-14252-1
Über die zweite, englische (!) Fassung des Vorwortes wundert man sich angesichts des Themas: die polnisch‑deutschen Beziehungen und die Situation der deutschen Minderheit in Polen. Da wäre eine polnische Einleitung eine nette Geste gewesen. Positiv hervorzuheben ist aber (mit einer Ausnahme) die Zusammensetzung der deutschen und polnischen Autoren, die beiden Seiten Gehör verschaffen. Den lesenswerten Einstieg bildet der Beitrag Albert S. Kotowskis, der an ein über Jahrhunderte friedliches Miteinander des Königreich Polens und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation erinnert. Die Verschlechterung der Beziehungen datiert er mit dem Aufkommen der Nationalismen im 19. Jahrhundert. Kotowski umreißt außerdem so knapp wie anschaulich die gegenwärtigen Beziehungen auf Regierungsebene – auf der man mitunter sehr wenig voneinander weiß – und für Polen zentrale Politikfelder wie die Energie‑ (verbunden mit dem Status als Transitland für Erdgas und ‑öl) und die Erinnerungspolitik. Karol Sauerland verweist zudem auf ein gegenseitiges Unverständnis mit Blick auf die Beziehungen zu Russland. Witold Stankowski reflektiert die bis 1989 unerwünschte Erforschung der gemeinsamen Geschichte von Deutschen und Polen. Aus deutscher Sicht überrascht, dass selbst in den ehemaligen deutschen Gebieten allenfalls die Hälfte der Einwohner etwas über die deutsche Vorgeschichte ihrer Heimat und die Vertreibungen weiß. Seit dem Umbruch aber kommt in dieses Forschungsfeld Bewegung und dieser Beitrag von Stankowski deutet das Potenzial an, dass das Bewusstsein einer gemeinsamen Vergangenheit für die Verständigung in der Gegenwart haben könnte. Gilbert H. Gornig und Bernhard Gaida problematisieren – aus rechtswissenschaftlicher sowie persönlicher Perspektive – die Situation der Deutschen in Polen. Sie können sich inzwischen einer vorbildlichen Festschreibung ihrer Minderheitenrechte erfreuen, deren praktische Umsetzung allerdings scheint noch deutlich verbesserungsfähig zu sein. Gornig beschreibt auch einen tiefen Dissens in der Beurteilung über den Verbleib deutscher Kulturgüter. Einzig der Beitrag von Tobias Nobert Körfer, der den dem Vertriebenenmilieu zuzurechnenden Verein AGMO vertritt, fällt aus dem ansonsten stimmigen Band heraus. Körfer polemisiert gegen eine Benachteiligung der deutschen Sprache in Polen. Ansonsten aber entsteht insgesamt im Band der Eindruck, dass die Verständigung, die immer noch mit Kriegsfolgen und kommunistischem Erbe zu kämpfen hat, wohlwollend politisch gestützt werden muss und vor allem einen langen Atem beansprucht.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.24.214.222.614.42 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Gilbert H. Gornig / Hans-Detlef Horn / Hans-Günther Parplies (Hrsg.): 20 Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaftsvertrag. Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37038-20-jahre-deutsch-polnischer-nachbarschaftsvertrag_45377, veröffentlicht am 30.04.2014. Buch-Nr.: 45377 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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