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Klartext. Eine Kontroverse

Alain Badiou / Alain Finkielkraut

Klartext. Eine Kontroverse. Eingeleitet und moderiert von Aude Lancelin. Aus dem Französischen von Richard Steurer-Boulard

Wien: Passagen Verlag 2013; 153 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-7092-0038-4
Wenn sich Alain Badiou und Alain Finkielkraut über das Erbe der französischen Nation, Israel und den Kommunismus streiten, dann ist das ein gigantischer Zusammenprall der Weltanschauungen. Finkielkraut, der Klassizist und Romantiker, berüchtigt und offen angefeindet für seine radikal konservative Verteidigung französischer Werte, trifft auf den erklärten Kommunisten Badiou, die Leitfigur der gegenwärtigen intellektuellen Linken in Frankreich. Im direkten Dialog wird deutlich, wie unheimlich nahe sich die beiden Seiten bisweilen stehen. Beide sagen ja zum Universalismus – aber wer sind die Akteure, die politischem Fortschritt und der Harmonie im Wege stehen, sei es in Frankreich oder der Welt im Allgemeinen? Ist es, wie Finkielkraut meint, der „militante Frankreichhass“ (21) in den Banlieus, der Antisemitismus und nicht zuletzt auch der Kommunismus mit all seiner politischen Grausamkeit, seiner kitschigen Utopie und seiner anachronistischen Alles‑oder‑Nichts‑Logik? Oder hat Badiou recht, wenn er sagt, dass nicht die desillusionierten Jugendlichen der Vorstädte, sondern im Gegenteil Nicolas Sarkozy und seine Anhänger diejenigen sind, die den eigentlichen antimodernen und neoliberalen Kampf gegen die Errungenschaften der Aufklärung führen? Was ist zu tun mit der Diagnose, dass sich „die europäische extreme Rechte […] seit nunmehr Jahrzehnten über die Feindschaft gegen die Moslems konstruiert“ (53) und eben gerade nicht um den Antisemitismus gruppiert? Und ist der unterstellte faschistoide Charakter islamistischer Befreiungsbewegungen nicht direkt proportional zur „außergewöhnlichen Schwäche der vom Marxismus inspirierten revolutionären Politik in der arabischen Welt“ (101)? Finkielkraut dagegen beklagt diese „Ausweitung der Kampfzone“ (104) durch eine französische Linke, die „unter Ihrer [Badious] Schirmherrschaft völlig größenwahnsinnig wird“ (38). Es handelt sich im Wesentlichen um die Verlängerung der Debatte Sartre‑Camus (oder gar Marx‑Tocqueville) in die heutige Zeit. Gerade Leser, die nicht mit der Stimmungslage des französischen Feuilletons vertraut sind, lernen eine Menge über die Befindlichkeiten der Franzosen zwischen Immigration und Stagnation des Sozialstaats, nationaler und europäischer Identität, de Gaulle und Sarkozy. Das ist vor allem auch der sehr guten Moderation von Aude Lancelin zu verdanken, auf deren Initiative hin dieses Gespräch möglich wurde.
Florian Geisler (FG)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 2.22 | 2.23 | 2.63 | 2.61 | 5.42 Empfohlene Zitierweise: Florian Geisler, Rezension zu: Alain Badiou / Alain Finkielkraut: Klartext. Eine Kontroverse. Wien: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/36903-klartext-eine-kontroverse_44759, veröffentlicht am 27.03.2014. Buch-Nr.: 44759 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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