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Zwangsarbeiter in Österreich 1939-1945 und ihr Nachkriegsschicksal

Dieter Bacher / Stefan Karner (Hrsg.)

Zwangsarbeiter in Österreich 1939-1945 und ihr Nachkriegsschicksal. Ergebnisse der Auswertung des Aktenbestandes des "Österreichischen Versöhnungsfonds" Ein Zwischenbericht

Innsbruck/Wien/Bozen: Studien Verlag 2013 (Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung 21); 352 S.; 39,90 €; ISBN 978-3-7065-5217-2
Der Staatsvertrag des Jahres 1955 entband Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg von jeglichen Reparationszahlungen; als angeblich „erstes Opfer Hitlers“ sah die Republik jahrzehntelang keine Notwendigkeit, sich um die Geschädigten des NS‑Systems zu kümmern. Das änderte sich erst auf Druck von außen: 2001 nahm der Versöhnungsfonds der Republik Österreich (ÖVF) seine Arbeit auf. Den noch lebenden, auf dem Gebiet des heutigen Österreich eingesetzten Zwangsarbeitern des nationalsozialistischen Regimes sollten Geldleistungen zukommen. Bis zur Einstellung seiner Tätigkeit zum 31. Dezember 2005 langten beim ÖVF rund 150.000 Anträge ein, die nun wissenschaftlich ausgewertet sind. Diese archivalische Sammlung von Einzelschicksalen ändert zwar nicht das bereits bekannte Bild der Geschichte der Zwangsarbeit in Österreich, bietet aber die Möglichkeit der Analyse aus der Perspektive der Opfer. Ohne ausländische Arbeitskräfte hätte der Krieg nicht bis 1945 fortgeführt werden können, und für Österreich kann durchaus von einer „Industrialisierung durch Zwangsarbeit“ (27) gesprochen werden. Nach einer ausführlichen Strukturanalyse durch Hermann Rafetseder, der den Aktenbestand quantitativ aufbereitet, schildern die Autoren anhand von besonders gut dokumentierten Schicksalen einzelne Aspekte von Zwangsarbeit in Österreich. Jürgen Strasser etwa widmet sich Zwangsarbeitern aus Frankreich, schildert deren Arbeitsalltag (etwa beim Bau des „Südostwalls“), Inhaftierungen, schließlich die Rückkehr nach Frankreich und das Leben danach. Dieter Bacher sucht nach den Motiven der Dageblieben, also jener Menschen, die nach Kriegsende nicht in ihre Heimat zurückkehrten – und Österreicher wurden. Viele hatten Angst vor Repressionen, so galten in die UdSSR zurückgekehrte Zwangsarbeiter dort als Vaterlandsverräter, andere hatten im Laufe der Jahre enge soziale Bindungen geknüpft. Nebst der Aufbereitung des ÖVF‑Nachlasses glänzt der Band mit einer höchst detailreichen Beschreibung des wissenschaftlichen Vorgehens. Er gibt damit auch einen methodologischen Einblick in die historisch arbeitende Politikwissenschaft.
Tamara Ehs (TE)
Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
Rubrizierung: 2.4 | 4.1 | 2.312 | 2.23 Empfohlene Zitierweise: Tamara Ehs, Rezension zu: Dieter Bacher / Stefan Karner (Hrsg.): Zwangsarbeiter in Österreich 1939-1945 und ihr Nachkriegsschicksal. Innsbruck/Wien/Bozen: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35994-zwangsarbeiter-in-oesterreich-1939-1945-und-ihr-nachkriegsschicksal_43860, veröffentlicht am 25.07.2013. Buch-Nr.: 43860 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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