Portal für Politikwissenschaft

Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns

Byung-Chul Han

Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns

Berlin: Matthes & Seitz 2013; 44 S.; 5,- €; ISBN 978-3-88221-066-8
Byung‑Chul Hans Essay ist ein provokantes Gedankenexperiment. In kurzer und skizzenhafter Form weist er auf einen möglichen Paradigmenwechsel hin, der die Konzepte von Öffentlichkeit und Politik radikal verändere, wenn nicht sogar überflüssig machen könne. Ausgangspunkt ist die Diagnose einer „Entpolitisierung der Gesellschaft“ im „Zerfall der kommunikativen Öffentlichkeit und [der] zunehmende[n] Narzissifizierung des Selbst“ (10). In diesen, der repräsentativen Demokratie zutiefst gegenläufigen Tendenzen sucht Han nach einer positiven Wendung, einer Erneuerung der Demokratie auf der Grundlage der digitalen Rationalität. Zunächst müsse man sich der Habermas’schen Vorstellung diskursiver Rationalität entledigen, da die zentrifugale Zerstreuungslogik des Internets nicht imstande sei, eine Versammlung, ein Wir, eine kollektive Basis zu errichten. „Daher müssten nicht Äquivalente, sondern Alternativformen zur diskursiven Öffentlichkeit gesucht werden“ (19). Schon bei Rousseau lasse sich die Vorstellung finden, dass die berühmte volonté générale nicht auf einem Aushandlungsprozess beruht, sondern einer „nummerisch‑mathematische[n] Rationalität“ (24) folgt. Mit dem Internet und der immer umfassenderen Ansammlung von persönlichen Daten entstehe ein Pool von Big Data, den Han als das soziale Unbewusste der Gesellschaft begreifen möchte. Darauf könne nicht nur analytisch zugegriffen werden, sondern es funktioniere auch vollends inklusiv und ohne politisches Engagement des Einzelnen. Diese direkte Übersetzung der Interessen und Bedürfnisse, die sich unbewusst in den digitalen Spuren der Individuen zeigen, lasse demnach jede Form der Repräsentation und komplizierten Verhandlung obsolet werden, an deren Stelle „heute überall die unmittelbare Präsenz und Kopräsentation“ (41) tritt. Han, der Digitalisierung und Individualisierung zur Teleologie zu wenden scheint, blendet dabei aber reale politische und gegenläufige Tendenzen vollkommen aus, wie beispielsweise die sich überall regenden Massenproteste. Seine „Demokratie der Kopräsentation“ (34) und das Ende der Politik bleiben daher holzschnittartige Zerrbilder, von denen er schließlich selbst nicht sagen kann, ob er sie als Utopie oder Dystopie begreifen möchte.
Alexander Struwe (AST)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Alexander Struwe, Rezension zu: Byung-Chul Han: Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35959-digitale-rationalitaet-und-das-ende-des-kommunikativen-handelns_43914, veröffentlicht am 17.07.2013. Buch-Nr.: 43914 Rezension drucken

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