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Das Christentum in Hitlers Weltanschauung

Friedrich Tomberg

Das Christentum in Hitlers Weltanschauung

München: Wilhelm Fink Verlag 2012; 206 S.; 25,90 €; ISBN 978-3-7705-5271-9
Die Feststellung, „Hitlers Äußerungen zum Christentum sind vielfältig und nicht leicht auf einen Nenner zu bringen“ (31), zeigt den Forschungsbedarf auf, den Tomberg aufgreift. Im Verlauf der Studie gelangt der Autor zu fruchtbaren, oft einleuchtenden und teilweise auch provokanten Thesen über die Weltanschauung des Diktators. Hitler war für Tomberg ein überzeugter Europäer (sic!), der den von ihm wahrgenommenen Niedergang Europas durch einen Einigungskrieg aufhalten wollte – einen Vereinigungskrieg, der den Kontinent gleichzeitig unter deutsche Vorherrschaft bringen sollte. Der Russlandfeldzug ist für Tomberg als der Versuch Hitlers zu verstehen, dieses Europa durch Eroberungen im Osten abzusichern, „die er eher als gewaltsame Kolonisation verstand“ (72). Tomberg skizziert Hitlers Weltanschauung in der Folge als Konzeption „einer Weltherrschaft zur Rettung der europäischen Menschheit“ (73) auf der Basis deutscher Hegemonie. Dieser europäisch-deutsche Nationalismus als Gegenmodell zum angelsächsischen Kapitalismus, den Tomberg nachzeichnet, war nur durch Hitlers Sozialisierung innerhalb des europäischen Kulturkreises denkbar. Daher spricht Tomberg vom Nationalsozialismus als von einer „europäischen Ideologie“ (45). Was bedeutet dies für Hitlers Verhältnis zum Christentum? Tomberg erklärt in der Folge sowohl den Antisemitismus des Diktators als auch sein Verhältnis zum Christentum als Konsequenz seiner Weltanschauung (und nicht umgekehrt): Grundsätzlich war Hitlers Ideologie antichristlich. Sein „Versuch einer metaphysischen Verankerung der völkischen Weltanschauung“ (149) beinhaltete jedoch auch christliche Elemente, beispielsweise wenn sich der Diktator in der Nachfolge Christi sieht. Etwas holzschnittartig arbeitet Tomberg in der Folge Topoi heraus, die die Nationalsozialisten dem Christentum entnahmen. So macht sich Hitler die Bibelstelle, in der Jesus die Händler aus dem Tempel vertreibt, für seinen antisemitisch geprägten Antikapitalismus bzw. seinen kapitalismuskritisch gefärbten Antisemitismus nutzbar. Unmissverständlich verurteilt Tomberg den Nationalsozialismus und erkennt klar die Aussichtslosigkeit des Hitlerschen Vorhabens. Bei gründlicherer Durchsicht des Textes hätten allerdings einige missverständliche Formulierungen vermieden werden können. Tomberg gelingt insgesamt eine beeindruckende und einsichtsvolle Studie, wobei er die Überprüfung seiner These anhand der Quellen erst von einer noch zu führenden Diskussion erwartet.
Kristian Klinck (KLI)
Dr. rer. pol., Politikwissenschaftler, Lehrbeauftragter, Institut für Sozialwissenschaft, CAU Kiel.
Rubrizierung: 2.312 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Kristian Klinck, Rezension zu: Friedrich Tomberg: Das Christentum in Hitlers Weltanschauung München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35251-das-christentum-in-hitlers-weltanschauung_42450, veröffentlicht am 07.06.2012. Buch-Nr.: 42450 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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