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Der "Blinde Fleck" der Anerkennungstheorie

Romy Reimer

Der "Blinde Fleck" der Anerkennungstheorie. Zur Diskussion eines problematischen Theorems der Sozialphilosophie, seiner historischen Vorläufer und seiner aktuellen Lösungsmöglichkeiten

Münster: Westfälisches Dampfboot 2012; 186 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-89691-905-2
Diss. Hamburg; Begutachtung: L. Lamprecht, S. Ernst. – Das zentrale Anliegen der Anerkennungstheorie, für die vor allem die Namen Axel Honneth und Charles Taylor stehen, ist die theoretische Begründung einer Emanzipation des Subjekts. Als zentrale Kriterien für eine erfolgreiche Emanzipation wird einerseits die gelungene Individualisierung der Subjekte gesehen sowie andererseits – und zugleich als Voraussetzung – die gesellschaftliche (rechtlich-politische) Anerkennung dieser Subjektidentitäten. Die Autorin kritisiert, dass die Anerkennungstheorie mit ihrer Konzentration auf moralische Beziehungen zwischen Individuen die sozioökonomische Ordnung vernachlässige, diese aber den Erfolg der Individualisierung – und damit den Prozess der Anerkennung – grundlegend strukturiere. Das herrschende Anerkennungstheorem ignoriere aber nicht nur die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse, sondern reproduziere und festige diese „Kraft geltender Anerkennungspraxen und -formen auch“ (170) noch. Reimer erörtert zunächst die historische Entwicklung des Anerkennungsbegriffs bei Aristoteles, Rousseau, Smith, Hegel, Fichte und Marx, um anschließend die erwähnten Probleme bei Honneth und Taylor zu diskutieren und Anknüpfungspunkte für einen Begriff der Anerkennung im Rahmen einer kritischen Gesellschaftstheorie zu entwickeln. Hierzu greift sie vor allem auf Pierre Bourdieu, Paul Ricoeur und Hannah Arendt zurück, um die sozioökonomischen Bedingungen von Emanzipation herauszuarbeiten und zugleich das Gemeinsame (und nicht nur das individualisierte Subjekt) als Teil von Anerkennung herauszuarbeiten. Ein theoretischer Begriff von Anerkennung dürfe sich nicht darin erschöpfen, „das Politische auf die Begründung und Verteidigung von Differenz“ zu reduzieren; es gelte hingegen, „die materiellen, sozialen wie politischen Voraussetzungen von Emanzipation – sowohl im Hinblick auf die Möglichkeit zur identifikativen Selbstbestimmung als auch in der Dimension politischer Teilhabe und Teilnahme“ (170) – zu identifizieren und theoretisch mit der Frage von Anerkennung in Verbindung zu bringen. Diesbezüglich entwickelt die Autorin keine alternative Theorie – dies ist aus ihrer Perspektive aber auch gar nicht möglich, da Anerkennung immer nur ein Teilelement einer umfassenderen Gesellschaftstheorie sein könne. Zu der Frage, welchen Platz dieses Element dort einnehmen kann, vermittelt das Buch jedoch wertvolle und spannende Anknüpfungspunkte.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.42 | 5.46 | 5.33 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Romy Reimer: Der "Blinde Fleck" der Anerkennungstheorie. Münster: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35173-der-blinde-fleck-der-anerkennungstheorie_42349, veröffentlicht am 23.08.2012. Buch-Nr.: 42349 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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