Portal für Politikwissenschaft

Lebensmodell Diaspora

Isolde Charim / Gertraud Auer Borea (Hrsg.)

Lebensmodell Diaspora. Über moderne Nomaden

Bielefeld: transcript Verlag 2012 (Kultur und soziale Praxis); 272 S.; EUR 24,80 €; ISBN 978-3-8376-1872-3
Die Herausgeberinnen haben den Terminus Diaspora bewusst als „uneindeutigen Begriff“ (11) gewählt. Denn, so erklären sie gleich zu Beginn ihrer Einleitung, moderne (medienwirksame) Begriffe wie Parallelgesellschaft, Multikulturalismus, Migration und so weiter rückten jeweils nur bestimmte Aspekte (etwa Abgrenzung) eines sozialen Phänomens ins Zentrum und verhinderten damit umgekehrt, sich ergebnisoffen mit gesellschaftlichen Phänomenen und deren Veränderungen auseinanderzusetzen. Der Begriff Diaspora, wie er hier verstanden wird, bezieht sich auf Fragen von Mobilität und Identität, erschöpft sich aber nicht in der Analyse klassischer Migrationsbewegungen. Vielmehr „wird Diaspora zum Paradigma, […] weil unsere gesamte Gesellschaft nach dem Modell der Spaltung und nicht mehr nach dem Modell der vollen Identitäten funktioniert“ (14). Dieses Verständnis zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Beiträge, das Buch lässt sich dementsprechend weniger als Beitrag zur Migrationsforschung lesen, sondern ist im Zentrum einer umfassenden Gesellschaftstheorie angesiedelt. Diaspora ist also ein konstitutiver Teil moderner Gesellschaften. Dies zeigt etwa Zygmunt Bauman in seinem Beitrag, wenn er darlegt, dass die ursprünglich von Europa ausgehende und mittlerweile global verbreitete Form von Modernisierung zwangsläufig immer mehr „überflüssige Menschen“ (97) produziert. Ähnlich argumentiert Walter D. Mignolo, für den „Kolonialität […] die dunkle Seite der westlichen Moderne“ (82) ist. Ebenso wie der Begriff der Diaspora hier nicht durch allzu voreilige Festlegungen und Definitionen verkürzt werden soll, stellt auch das Buch einen ergebnisoffenen Diskussionsprozess dar, der manche bekannte, aber auch viele überraschende Themen und Aspekte zur Sprache bringt (zum Beispiel im Beitrag von Diedrich Diederichsen über Jugendkultur). Die einzelnen Beiträge wurden ursprünglich als Vorträge im Rahmen des österreichischen „Kreisky-Forums“ konzipiert. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang zudem der Abdruck einer Nachfrage (natürlich inklusive Antwort), die der damals zehnjährige Sohn des mittlerweile verstorbenen jüdischen Historikers Tony Judt im Anschluss an dessen Vortrag stellte („könnte es sein, dass diejenigen, die dich kritisieren, einfach nicht zugeben wollen, dass Israel einen falschen Weg eingeschlagen hat, oder glauben sie wirklich noch an Israel?" [213]), und damit auf kindlich-unvoreingenommene Art eine der heikelsten Kernfragen der Debatten über Israel und das Judentum aufdeckt.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 4.42 | 2.23 | 2.35 | 2.63 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Isolde Charim / Gertraud Auer Borea (Hrsg.): Lebensmodell Diaspora. Bielefeld: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35160-lebensmodell-diaspora_42332, veröffentlicht am 08.11.2012. Buch-Nr.: 42332 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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