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Das pluralistische Staatsdenken von Hugo Preuß

Detlef Lehnert

Das pluralistische Staatsdenken von Hugo Preuß

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2012 (Staatsverständnisse 46); 220 S.; brosch., 29,- €; ISBN 978-3-8329-4351-6
Angesichts einer zunehmend „bunten Republik Deutschland“ und der voranschreitenden Erosion des Nationalstaats in komplexen Mehrebenensystemen gewinnt die Pluralismustheorie neuerlich an Bedeutung. Der linksliberale Hugo Preuß ist – mit Hans Kelsen – der wichtigste Vordenker pluralistischer Demokratie der Weimarer (bzw. Wiener) Republik. Beide waren aufgrund der Dominanz etatistischer und monistischer (Volks-)Souveränitäts- und Gemeinschaftskonzepte im bundesdeutschen Diskurs der Staats- und Verfassungslehre – auch in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts – randständig. Das galt selbst für die wenigen nicht konservativen Staatsrechtler, denn schon bei „Heller [...] war hinsichtlich Kelsens Souveränitätskritik gar von ‚anarchistischen Grundlagen’ und im Hinblick auf Preuß vom ‚Syndikalismus’ die Rede“ (211). Erst seit einigen Jahren wird ihr demokratietheoretisches Potenzial wissenschaftlich neu erschlossen, sodass jüngst sogar Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, explizit auf Preuß Bezug nahm. Lehnert ist ein ausgewiesener Kenner der Weimarer (Staatslehre-)Debatten und hat schon vor einigen Jahren eine große Arbeit zu Preuß vorgelegt („Verfassungsdemokratie als Bürgergenossenschaft“, 1998, siehe Buch-Nr. 9690). Er entfaltet nun mit zahlreichen Bezügen dessen zivilgesellschaftlich-genossenschaftlichen Ansatz einer parlamentarischen Parteiendemokratie als „dritten“, pluralistischen Weg jenseits von hegelianischer Staatssouveränität und liberalistischer Privatheit. Dies geschieht nicht nur mit Blick auf Kelsen, sondern unter Einschluss fast vergessener Autoren wie dem holländischen Staatsdenker und Frühpluralisten Hugo Krabbe, aber auch im Vergleich zu Leon Duguit, William James und Mary Parker Follet, Harold Laski und dem Schweizer Dietrich Schindler. Es ist das Verdienst von Lehnert, Preuß endlich aus dem engen Rezeptionskontext als Weimarer Verfassungsvater – der er ja im Übrigen nur bedingt war – herauszulösen und ihm mit diesem Buch in den renommierten „Staatsverständnissen“ den Platz eines Klassikers zuzuweisen. Diesen gilt es nicht nur in politikwissenschaftlich-ideengeschichtlicher Perspektive, sondern vor allem für das aktuelle staatstheoretische Verständnis des Demokratieprinzips des Grundgesetzes (Stichwort: problematisches Lissabon-Urteil) noch weiter zu entdecken.
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 5.46 | 5.41 | 2.311 Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Detlef Lehnert: Das pluralistische Staatsdenken von Hugo Preuß Baden-Baden: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35087-das-pluralistische-staatsdenken-von-hugo-preuss_42229, veröffentlicht am 16.05.2012. Buch-Nr.: 42229 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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