Portal für Politikwissenschaft

Kritik demokratischer Praxis

Dirk Jörke

Kritik demokratischer Praxis. Eine ideengeschichtliche Studie

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2011 (Schriftenreihe der Sektion Politische Theorien und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft 20); 386 S.; 59,- €; ISBN 978-3-8329-6806-9
Habilitationsschrift Greifswald; Begutachtung: H. Buchstein, F. Nullmeier, K. Palonen. – Demokratie als politisches Konzept ist ideengeschichtlich mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen verknüpft; diese historische Variabilität verweist – das ist Jörkes Ausgangsüberlegung – auf eine grundsätzliche semantische Umkämpftheit des Begriffs, die jeden Versuch scheitern lassen müsse, „dem Begriff ‚Demokratie' einen dauerhaften Bedeutungskern einzuschreiben oder mit ihm ein dauerhaftes Set an Praktiken zu verbinden“ (13). Politische Ideen sollten deshalb – im Anschluss an Skinner und die Cambridge-School – als „begriffspolitische Interventionen“ (12) verstanden werden, die stets auch auf eine Veränderung der jeweiligen Praxis zielen, in deren Kontext sie entstanden sind. In dieser Perspektive legt Jörke mit seiner äußerst anregenden Studie – einer erweiterten Fassung seiner 2009 angenommenen Habilitationsschrift – eine Ideengeschichte der im Medium von Theorie formulierten Auseinandersetzungen mit demokratischen Praktiken vor. Mit Charles Taylor geht er dabei von einem wechselseitigen Verweisungsverhältnis zwischen Ideen und Praktiken aus. In heuristischer Absicht unterscheidet Jörke demokratische, auf Beteiligung der Vielen gerichtete Praktiken als Handlungszusammenhänge der Entscheidung, Bestellung, Rede beziehungsweise Öffentlichkeit und Repräsentation. Dieser formale Rahmen dient als Raster zur – im Sinne Rortys – rationalen, das heißt auf aktuelle Kontroversen bezogenen Rekonstruktion relevanter Texte der Theoriegeschichte. Die Auswahl reicht von der Antike (Thukydides, Platon, Aristoteles) über die Grundlegung der repräsentativen Demokratie (Burke; Federalists; Sieyes; Tocqueville) bis zur Etablierung der Massendemokratie (Michels; Weber; Croly; Lippmann). Das Ergebnis dieser durchgehend inspirierenden Interpretationen ist – jedenfalls unter normativen Gesichtspunkten – ambivalent: „unser modernes Demokratieverständnis und die damit einhergehenden Praktiken [sind] vornehmlich von jenen Autoren geprägt worden [...], die den Einfluss der Vielen zu begrenzen versuchten“ (348) – dies wesentlich, weil die „Vielen“, getrieben von Emotionen und partikularen Interessen, als stets manipulierbar gelten.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.1 | 5.31 | 5.33 | 5.41 | 5.46 | 2.61 | 2.64 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Dirk Jörke: Kritik demokratischer Praxis. Baden-Baden: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/34421-kritik-demokratischer-praxis_41339, veröffentlicht am 31.05.2012. Buch-Nr.: 41339 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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