Portal für Politikwissenschaft

Taiwans unvergänglicher Antikolonialismus

Thomas Fröhlich / Liu Yishan (Hrsg.)

Taiwans unvergänglicher Antikolonialismus. Jiang Weishui und der Widerstand gegen die japanische Kolonialherrschaft. Mit einer Übersetzung von Schriften Jiang Weishuis aus dem Chinesischen und Japanischen

Bielefeld: transcript Verlag 2011 (Kultur und Praxis); 359 S.; 36,80 €; ISBN 978-3-8376-1018-5
Der Antikolonialismus hat in Taiwan Tradition und ist nicht auf die Zeit der japanischen Fremdherrschaft von 1895 bis 1945 beschränkt. Jedoch ist diese äußerst kontrovers diskutierte Periode bis heute sowohl für die innergesellschaftlichen als auch die internationalen Beziehungen von großer Bedeutung. Die Autoren illustrieren in ihren Aufsätzen die divergierenden Sichtweisen auf die Kolonialzeit. Vor allem die Beiträge zur nationalgeschichtlichen Narration über den Arzt und Aktivisten Jiang Weishui, der als Schlüsselfigur des Antikolonialismus gilt, verdeutlichen die kontroversen Meinungsbilder. Während Liang Ming Hsiung die repressiven Aspekte der japanischen Kolonialherrschaft hervorhebt, betont Fan Yen-chiou die Errungenschaften gesellschaftlicher Modernisierung und Emanzipation, die unter japanischer Verwaltung erzielt wurden. Im Blickfeld der Autoren liegt vor allem die Perzeption des Antikolonialismus nach 1945 bis heute. Vor dem Hintergrund einer vermeintlichen Entkolonialisierung, die jedoch wiederum in eine autoritäre Herrschaft (diesmal der nationalchinesischen Partei GMD) mündete, sowie der in den 80er-Jahren folgenden Demokratisierungsphase, erstaunt die ideologische Kontroverse kaum. So ist die kollektive Erinnerung an die Kolonialzeit in der Nachkriegszeit vor allem auf die Erinnerung an den Widerstand gegen die japanische Herrschaft geprägt – eine Geschichtsschreibung, die vorrangig von der Nationalpartei diktiert wurde. Die jüngeren Generationen haben sich inzwischen vom nationalchinesischen Narrativ abgewandt und fordern eine explizit taiwanesische Interpretation der verschiedenen Phasen von Fremdherrschaft. Die Wiedereingliederung Taiwans in die Republik China 1945 wird somit als Rekolonialisierung gelesen. Im Kontext der Beiträge, die fast ausschließlich von taiwanesischen Wissenschaftlern verfasst wurden, werden sowohl Theorie als auch Praxis des taiwanesischen Antikolonialismus in Vergangenheit und Gegenwart deutlich. Neben den aktuellen Forschungsbeiträgen veröffentlichen die Herausgeber erstmals die Schriften des Widerstandkämpfers Jiang Weishui in deutscher Sprache.
Anja Franke-Schwenk (AF)
Dr. des., wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften (Bereich Politikwissenschaft), Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.68 | 4.1 | 2.22 | 2.1 Empfohlene Zitierweise: Anja Franke-Schwenk, Rezension zu: Thomas Fröhlich / Liu Yishan (Hrsg.): Taiwans unvergänglicher Antikolonialismus. Bielefeld: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/34316-taiwans-unvergaenglicher-antikolonialismus_41185, veröffentlicht am 01.12.2011. Buch-Nr.: 41185 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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