Portal für Politikwissenschaft

Entscheidung für Europa/Decidere l'Europa

Volker Depkat / Piero S. Graglia (Hrsg.)

Entscheidung für Europa/Decidere l'Europa. Erfahrung, Zeitgeist und politische Herausforderungen am Beginn der europäischen Integration/Esperienza, mentalità e sfide politiche agli albori dell'integrazione europea

Berlin/New York: Walter de Gruyter 2010 (Reihe der Villa Vigoni 23); 291 S.; 89,95 €; ISBN 978-3-11-023389-6
Die Entscheidung politischer Eliten in Deutschland und Italien, nach 1945 auf nationale Souveränitätsrechte zu verzichten, um die Integration Europas voranzutreiben, wird von den Autorinnen und Autoren mit jeweils unterschiedlicher Schwerpunktsetzung beleuchtet. „[D]ie Entscheidung für Europa [reflektieren sie] immer auch in Abhängigkeit vom Europa- und Geschichtsbewusstsein in beiden Ländern“ und prägen den Begriff des „Epochenbewusstseins“ (4). Die darin enthaltenen Europabilder in Deutschland und Italien nach 1945 werden rekonstruiert, um Konvergenzen zwischen beiden Ländern sichtbar werden zu lassen. Das Epochenbewusstsein aller nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der Bundesrepublik aktiven Politiker sei von zwei fundamentalen Erfahrungen geprägt gewesen, so der Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll, nämlich erstens von der Erschütterung der kulturellen Identität des Landes und zweitens vom politisch-moralischen „Totalzusammenbruch“ (189). Diese seien für die meisten Verfechter der europäischen Integrationspolitik zu wesentlichen Antriebskräften ihres Engagements für Europa und ihres Strebens nach Überwindung nationalstaatlicher Grenzen geworden, was am Beispiel der Integrationspolitik Heinrich von Brentanos, des ersten bundesdeutschen Außenministers, gezeigt wird. In weiteren Einzelporträts geht es um das Epochenbewusstsein von Konrad Adenauer sowie Walter Hallstein. Letzterer wurde mit dem „Etikett ‚Mr. Europe’“ versehen und galt als „großer Brückenbauer“ (241) für den Integrationsprozess. Anders wird die Haltung des SPD-Politikers Carlo Schmid beschrieben, für den Europa keine Alternative zur deutschen Nation darstellte. Für ihn, schreibt Petra Weber, war Europa vor allem ein „‚Europa der Deutschen’“. Erst die Erkenntnis, dass die deutsche Wiedervereinigung nur im Wege der europäischen Einbindung gelingen könne, habe Schmid zu einem „Vorkämpfer des europäischen Integrationskonzepts werden [lassen], dem er sich entgegenstellte, sobald er fürchten musste, dass es die deutsche Teilung zementiere“ (261). Die Beiträge gehen zurück auf den IV. Deutsch-italienischen Dialog der Historiografen im November 2005 in Como.
Sabine Steppat (STE)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 3.1 | 2.313 | 2.61 | 2.22 | 2.3 | 2.331 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Volker Depkat / Piero S. Graglia (Hrsg.): Entscheidung für Europa/Decidere l'Europa. Berlin/New York: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33621-entscheidung-fuer-europadecidere-leuropa_40258, veröffentlicht am 29.09.2011. Buch-Nr.: 40258 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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