Portal für Politikwissenschaft

Loyalitäten im Staatssozialismus

Volker Zimmermann / Peter Haslinger / Tomáš Nigrin

Loyalitäten im Staatssozialismus. DDR, Tschechoslowakei, Polen

Marburg: Verlag Herder-Institut 2010 (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 28); 366 S.; 27,- €; ISBN 978-3-87969-364-1
Allein „der Versuch, auf die Frage nach Loyalitätsbindungen zu antworten, [fördert] eine differenzierte Sicht auf gesellschaftliche Verhältnisse im Staatssozialismus im Allgemeinen und den dort vorherrschenden sozialen Beziehungen im Besonderen“ (11), leiten Haslinger und Zimmermann diesen Tagungsband ein. Sie erörtern, was unter Loyalität zu verstehen ist und ob es in einer Diktatur mehr als eine erzwungene Loyalität geben kann. In der Gesamtschau der Beiträge über die DDR, Polen und die Tschechoslowakei sei festzustellen, dass für den Staatssozialismus zumindest ein interessegeleitetes Loyalitätsverhalten der Menschen konstatiert werden könne – „im Sinne einer ‚Kosten-Nutzen-Rechnung’“ (9). Allerdings sahen sich die Menschen besonderen Loyalitätserwartungen qua Verfassung ausgesetzt, wie Jana Osterkamp in ihrer Analyse der verfassungsrechtlichen Grundpflichten im Staatssozialismus erläutert. Zu nennen seien vor allem die Erziehungspflicht – die Eltern sollten ihre Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten formen – sowie die Arbeitspflicht. Damit sei nicht nur auf ein äußeres, abrufbares Verhalten gezielt, sondern mit unbestimmten Begriffen „eine gesellschaftliche Grauzone latenter staatlicher Loyalitätserwartungen“ geschaffen worden. Die tatsächliche Durchsetzung der Loyalitätserwartungen sei denn auch entscheidend für die Frage nach dem totalitären Charakter des Staatssozialismus: „Diese konnte zeitlich stark differieren“ (43). Aus den weiteren Beiträgen lässt sich der Eindruck gewinnen, dass sich vor allem in der Nachkriegszeit die Gelegenheit bot, die Bevölkerung an die Regime zu binden. Erläutert wird dies an den Bodenreformen sowie anhand der Propagierung von Feindbildern. Erörtert wird ferner der spätere Versuch, über die Sozial- und Konsumpolitik Verbindlichkeiten zu schaffen. Mit Blick auf die Loyalität von Intellektuellen werden gruppenspezifische und individuelle Aushandlungsprozesse diskutiert, aber auch die Arbeit von Schriftstellern, die loyale Parteigänger waren. Konterkarierend wird in einem weiteren Kapitel gefragt, inwieweit andere Loyalitäten – etwa zur Kirche – Bestand haben konnten. Im abschließenden Betrag wird kritisiert, dass Formen der nicht nur erzwungenen Loyalität, gar der Akzeptanz und Mitarbeit im Staatssozialismus in deutschen, polnischen, tschechischen und slowakischen Geschichtsschulbüchern nicht thematisiert werden. Zdenĕk Beneš und Tomáš Nigrin verbinden diese Feststellung mit einer Sorge: „Solange wir den Schritt zu einer Erklärung der Loyalität bzw. eher der Loyalitäten nicht wagen, werden wir uns auch nicht selber verstehen.“ (364)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23 | 2.314 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Volker Zimmermann / Peter Haslinger / Tomáš Nigrin: Loyalitäten im Staatssozialismus. Marburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33599-loyalitaeten-im-staatssozialismus_40228, veröffentlicht am 14.07.2011. Buch-Nr.: 40228 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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