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20 Jahre vereinigtes Deutschland: eine "neue" oder "erweiterte Bundesrepublik"?

Heike Tuchscheerer

20 Jahre vereinigtes Deutschland: eine "neue" oder "erweiterte Bundesrepublik"?

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2010 (Extremismus und Demokratie 20); 388 S.; 49,- €; ISBN 978-3-8329-5813-8
Diss. TU Chemnitz; Begutachtung: E. Jesse. Die Autorin fragt, „ob mit der deutschen Einheit wirklich eine ‚neue Bundesrepublik’ entstanden ist“ (18). Die Gewichtung dieser Fragestellung ist gleichzeitig das Kernproblem der Arbeit. Tuchscheerer meint, dass mit den Redeweisen von der „‚neuen’, ‚Berliner’ oder ‚dritten Republik’ [...] [d]ie freiheitlich-demokratische Grundordnung [...] in ihrer alten Gestalt herausgefordert, wenn nicht sogar in Frage gestellt“ (18) werde. Diese Annahme überzeugt nicht, sondern spiegelt eher den Versuch, konstatierte Veränderungen mit den Mitteln der Extremismustheorie zu fassen, was in der skizzierten Form auf eine unnötige Skandalisierung von Wandlungen und Wandlungsdiagnosen hinausläuft. In ihrer Analyse untersucht die Autorin umfassend die Bereiche institutionelle Ordnung, Föderalismus, Sozial- und Wirtschaftsordnung, politische Kultur, Parteiensystem, politischer Extremismus, streitbare Demokratie sowie Außenpolitik. Erfreulich ist die transparente Darstellung der Kriterien für die jeweiligen Gebiete. Insgesamt konstatiert Tuchscheerer in ihrer materialreichen Arbeit, bei der freilich der Blick von außen in Form internationaler Literatur zu kurz kommt, einen „Wandel in Kontinuität“ (322). Keine der identifizierbaren Veränderungen lasse auf eine fundamentale Transformation hin zu einer „neuen Bundesrepublik“ schließen. Zudem gingen mache Wandlungen, z. B. in der Außenpolitik, nicht spezifisch auf die Einheit, sondern auf veränderte Rahmenbedingungen zurück. Dieses differenzierte und selbstredend vertretbare Ergebnis wird dann wiederum ergänzt durch die eingangs angesprochene Disqualifikation der Vertreter der Gegenthese. Tuchscheerer schreibt: „Die Beschwörung einer ‚neuen’, ‚Berliner’ oder ‚dritten Republik’ trägt zu einer Wahrnehmungsverzerrung bei, die die politische Kultur langfristig gefährdet“ (325). Eine schlüssige Begründung dieser Annahme unterbleibt.
Markus Linden (LIN)
Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, SFB 600 - Teilprojekt C7 "Die politische Repräsentation von Fremden und Armen", Universität Trier.
Rubrizierung: 2.315 | 2.3 | 2.325 | 2.331 | 2.342 | 2.35 | 2.37 | 4.21 Empfohlene Zitierweise: Markus Linden, Rezension zu: Heike Tuchscheerer: 20 Jahre vereinigtes Deutschland: eine "neue" oder "erweiterte Bundesrepublik"? Baden-Baden: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33456-20-jahre-vereinigtes-deutschland-eine-neue-oder-erweiterte-bundesrepublik_40040, veröffentlicht am 12.01.2012. Buch-Nr.: 40040 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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