Portal für Politikwissenschaft

Expert Cultures in Central Eastern Europe

Martin Kohlrausch / Katrin Steffen / Stefan Wiederkehr (Hrsg.)

Expert Cultures in Central Eastern Europe. The Internationalization of Knowledge and the Transformation of Nation States since World War I

Osnabrück: fibre 2010 (Einzelveröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts Warschau 23); 272 S.; 48,- €; ISBN 978-3-938400-58-6
Der Aufstieg vorrangig technisch qualifizierter Experten im zwanzigsten Jahrhundert sei nicht das logische Ergebnis der zunehmenden Bedeutung von Wissenschaft und Technik gewesen, sondern in vielfältiger Weise durch politische Entwicklungen, aber auch symbolische Aushandlungsprozesse geprägt gewesen, lautet die Ausgangsthese. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hätten in den Staaten Zentral- und Osteuropas die Erfordernisse der Bildung neuer Staaten mit einem rapiden gesellschaftlichen Wandel und Anstieg der Mobilität kollidiert, so Kohlrausch. Die Autoren weisen den Experten in dieser Region daher eine besondere Bedeutung zu. Elisabeth van Meer beschreibt das große Bedürfnis osteuropäischer Staaten, ihre nach 1918 neu gegründeten Institutionen mithilfe von Ingenieuren und Wissenschaftlern zu etablieren. Dies galt insbesondere in nur schwach industrialisierten landwirtschaftlich geprägten Gegenden. Dort kam dem Ingenieur eine Schlüsselfunktion bei der Entwicklung professioneller Berufsbilder zu. Christoph Mick erörtert das Schicksal der 3.000 Wissenschaftler, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges in die Sowjetunion deportiert wurden. Er stellt fest, dass diese ihre apolitische Ideologie, mit der sie ihre Loyalität zum Nationalsozialismus gerechtfertigt hatten, dort nicht mehr aufrechterhalten konnten. Unter den veränderten Arbeitsbedingungen gingen sie zu einer Strategie des passiven Widerstands über. Mick sieht den Versuch des Wissenstransfers von Nazi-Deutschland in die Sowjetunion deshalb auch als gescheitert an. Andere Autoren betonen allerdings, dass gerade der Kalte Krieg eine Zeit intensiven Wissensaustauschs gewesen sei und zwar von der Sowjetunion aus. Dabei hätten sich transnationale Expertennetzwerke gebildet, die nach 1989 den schnellen Übergang der Staaten Ost- und Zentraleuropas zu demokratischen wissensbasierten Gesellschaften ermöglichten.
Marinke Gindullis (MG)
Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.61 | 2.21 | 2.2 Empfohlene Zitierweise: Marinke Gindullis, Rezension zu: Martin Kohlrausch / Katrin Steffen / Stefan Wiederkehr (Hrsg.): Expert Cultures in Central Eastern Europe. Osnabrück: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33201-expert-cultures-in-central-eastern-europe_39694, veröffentlicht am 19.01.2011. Buch-Nr.: 39694 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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