Portal für Politikwissenschaft

Armes Deutschland

Ulrich Schneider

Armes Deutschland. Neue Perspektiven für einen anderen Wohlstand

Frankfurt a. M.: Westend Verlag 2010; 255 S.; 16,95 €; ISBN 978-3-938060-57-5
Warum ist es der Politik bisher nicht gelungen, Armut zu bekämpfen? Der Autor hinterfragt das von Wissenschaft und Politik gezeichnete Bild von Armut und betont die machtpolitische Bedeutung des Armutsbegriffs. Laut Schneider gibt es in der Bundesrepublik eine lange Tradition des Leugnens und Wegdefinierens von Armut. So wurde der Begriff der Armut unter Hinweis auf die Gewährung von Sozialhilfe von allen Parteien über Jahrzehnte aus der Politik herausgehalten. Der Autor kritisiert, dass selbst im ersten Armutsbericht der Bundesregierung unter Gerhard Schröder darauf verwiesen wurde, dass sich Armut wegen seiner Vielschichtigkeit einer allgemeingültigen Definition entzöge. Durch das Fehlen einer konkreten Definition würde eine Verständigung über die Belastungen am Rande der Gesellschaft aber ausgeschlossen. Auch die Berechnungsgrundlage von Hartz IV steht für Schneider auf dem Prüfstand. Der Autor kritisiert in diesem Zusammenhang den Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, der im Sommer 2008 Speisepläne für die Bezieher von Arbeitslosengeld II entwarf, um den Nachweis zu erbringen, dass man sich für vier Euro am Tag vollständig gesund und wertstoffreich ernähren könne. Das Ergebnis war: „eine Bratwurst für 38 Cent mit 150 Gramm Sauerkraut für zwölf Cent und Kartoffelbrei für 25 Cent“ (33). Darüber hinaus hinterfragt Schneider die Statistiken. So sah das Deutsche Wirtschaftsinstitut im Jahr 2008 11,5 Millionen Menschen als armutsgefährdet an, während das statistische Bundesamt für das gleiche Jahr 11,8 Millionen annahm und Eurostat sogar von 12,3 Millionen Menschen ausging. Der Autor verweist auf die Relativität der Forschungsergebnisse und auf das, was hinter den Zahlen stehe, nämlich dass der Konjunkturaufschwung an den Armen vorbeigegangen sei und Hartz IV und der damit einhergehende Ausbau des Niedriglohnsektors die Not der Betroffenen noch verschärft hätten.
Marinke Gindullis (MG)
Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.342 | 2.331 | 2.3 Empfohlene Zitierweise: Marinke Gindullis, Rezension zu: Ulrich Schneider: Armes Deutschland. Frankfurt a. M.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/32925-armes-deutschland_39326, veröffentlicht am 08.12.2010. Buch-Nr.: 39326 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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