Portal für Politikwissenschaft

Das Politische und das Persönliche

Margherita von Brentano

Das Politische und das Persönliche. Eine Collage. Hrsg. von Iris Nachum und Susan Neiman

Göttingen: Wallstein Verlag 2010; 542 S.; geb., 34,90 €; ISBN 978-3-8353-0614-1
Margherita von Brentano war eine der großen Linksintellektuellen der Bundesrepublik, politisch engagiert, Hochschullehrerin der Philosophie und tätig für den Rundfunk. Die Herausgeberinnen haben in diesem Band zahlreiche, auch autobiografische, Schriften aus Brentanos Nachlass versammelt, aus denen das Bild einer faszinierenden Persönlichkeit entsteht, die sich von einer „adligen Großbürgertochter“ zur „marxistischen Kämpferin“ (7) entwickelte, so Susan Neiman in ihrem Vorwort. Als intellektuellen Fixpunkt für Brentanos Denken identifiziert Neiman einerseits Immanuel Kant, andererseits Karl Marx und betont, dass sich Diskussionen und Begegnungen mit Zeitgenossen wie Anders, Bloch, Jaspers, Heidegger und Marcuse wie ein roter Faden durch den gesamten Nachlass ziehen. Von Brentano setze sich für die Berufung qualifizierter Frauen auf Lehrstühle ein. Gleichwohl schildert Frigga Haug in einem Interview mit Neiman, dass von Brentano ihr Engagement in der Frauenbewegung nicht guthieß. Dies habe daran gelegen, so Haug, dass sie diese als eine Massenbewegung abgelehnt habe. Ähnlich wie Hannah Arendt habe auch von Brentano gemeint, dass Frauen zur Elite gehören sollten, „daß aber der Einsatz in Bewegung gewissermaßen eine Vulgarisierung sei, die eben ein Heraustreten aus der Masse verunmöglicht“ (356). In von Brentanos „Reflexionen über Wirklichkeit und Rolle der Wissenschaften heute“ (321) führt sie aus, dass sich Wissenschaft zugleich zwischen Macht und Ohnmacht bewege. Sie sei insofern Macht, als heute alle entscheidenden Prozess des öffentlichen Lebens mittels wissenschaftlicher Methoden funktionieren. Jedoch sei die Wissenschaft auch ohnmächtig, da sie gänzlich auf die Rolle des Mittels beschränkt und zudem der Rationalität der Zwecke unterworfen sei. Die Neutralität der Wissenschaften begründe in diesem Kontext ihre Unfreiheit, was dadurch kaschierte werde, dass man „Neutralität mit Freiheit“ (322) verwechsle. Der Anspruch der Wissenschaft zur mündigen, autonomen Verwirklichung des Menschen beizutragen, bleibe derart auf der Strecke.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.46 | 2.3 | 2.36 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Margherita von Brentano: Das Politische und das Persönliche. Göttingen: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/32527-das-politische-und-das-persoenliche_38818, veröffentlicht am 19.07.2010. Buch-Nr.: 38818 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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