Portal für Politikwissenschaft

Handbuch Staatsdenker

Rüdiger Voigt / Ulrich Weiß (Hrsg.)

Handbuch Staatsdenker

Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2010; 462 S.; 44,- €; ISBN 978-3-515-09511-2
Ausgerechnet Carl Schmitt hatte das Ende der Epoche der Staatlichkeit prophezeit – „tatsächlich [aber] erlebt die Staatsphilosophie zurzeit eine ganz unerwartete Renaissance“ (7). Das liegt auch an der Finanzkrise, der Erschöpfung utopischer Energien des Sozialstaats oder der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten in der Terrorismusbekämpfung, sodass die neue Unsicherheit und Unübersichtlichkeit (Habermas) „das Staatsdenken vergangener Epochen wieder stärker in den Blickpunkt“ (7) geraten lässt. Voigt und Weiß gehen dabei ausdrücklich von einem nicht neuzeitlich beschränkten Staatsbegriff aus, sodass mittelalterliche Klassiker ebenso erfasst werden wie die antiken, aber auch nichteuropäische Denker, insbesondere Chinas und des islamischen Raums (z. B. Konfuzius, Mawardi, Maududi, Qutb). Weit wird das Staatsdenken zudem insofern verstanden, als die Anti-Denker (z. B. Bakunin; Stirner) sowie „Staatspraktiker“ (9) miteingeschlossen sind (z. B. Bismarck, Friedrich II., Wilson – aber auch die Staatsruinierer: Hitler, Mao, Mussolini, Stalin). So ergibt sich in alphabetischer Reihung und anhand eines durchgehaltenen, klaren Gliederungskonzepts einschließlich Rezeptions- und Literaturhinweisen (Ausnahme aber: der misslungene, weil viel zu kurz geratene Beitrag zu Adorno) ein gehaltvolles Kompendium zu fast 200 Denkern (von ca. 80 Autoren), bis hin zu den „zeitgenössischen“ (z. B. Foucault, Kelsen, Luhmann, Popper, Voegelin, aber auch Baudrillard, Bobbio, Böckenförde, Dahl, Fraenkel, Huntington, Kissinger, Sternberger, Walzer) und unter Einschluss von in diesem Kontext oft vergessenen, ja vielleicht sogar als „Exoten“ wahrgenommenen Vertretern (z. B. Aron, Atatürk, Arnold Brecht, Burke, Camus, Cassirer, Dante, Novalis, Orwell). Die Lust am Stöbern entsteht aufgrund dieser „gewagten“ Mischung, das Denken über den „Staat“ wird immer wieder auch vom Randständigen und Abgründigen miterfasst: Es handelt sich insgesamt um eine sehr gelungene Kompilation, die – auch nach Meinung der Herausgeber – in einer weiteren Auflage noch die eine oder andere Ergänzung erfahren wird.
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 5.1 | 5.3 | 5.41 Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Rüdiger Voigt / Ulrich Weiß (Hrsg.): Handbuch Staatsdenker Stuttgart: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/32433-handbuch-staatsdenker_38697, veröffentlicht am 08.07.2010. Buch-Nr.: 38697 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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